Was Gamer besser können
Herr Professor Froböse, Sie beschäftigen sich intensiv mit Gaming – eher ungewöhnlich für einen Sportwissenschaftler. Wie kam es dazu?
Tatsächlich kam das Thema zu mir, nicht umgekehrt. Studierende haben es in mein Büro getragen. Gaming ist Teil ihrer Lebensrealität – also musste ich mich damit auseinandersetzen. Daraus entstanden erste wissenschaftliche Arbeiten, später größere Projekte. Mich hat interessiert: Was passiert da eigentlich – körperlich, mental, sozial?
Der Experte
Prof. Dr. Ingo Froböse ist einer der führenden Gesundheitsexperten Deutschlands. Er ist Hochschulprofessor für Prävention und Rehabilitation im Sport an der Deutschen Sporthochschule Köln und leitete dort bis 2023 das Institut für Bewegungstherapie. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist Ingo Froböse als Autor von Bestsellern zu den Themen Gesundheit, Ernährung und Sport. Zudem ist er ein gefragter Medienexperte und erreicht mit dem „Formel Froböse“-Kanal bei YouTube fast 90.000 Abonnenten. Froböse ist ein erklärter Befürworter des eSport.
Und was passiert da?
Sehr viel mehr, als viele vermuten. Gaming trainiert Fähigkeiten, die wir aus der Arbeitswelt kennen: Konzentration, Reaktionsfähigkeit, Entscheidungsstärke unter Zeitdruck. Gerade in kompetitiven Spielen kommt Teamarbeit hinzu – Abstimmung, Vertrauen, Rollenverteilung. Das sind Kompetenzen, die auch in Unternehmen gefragt sind.
„Es ist ein hoch verdichteter Trainingsraum. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, Informationen parallel verarbeitet. Das ist vergleichbar mit vielen beruflichen Situationen – etwa in der Steuerung komplexer technischer Systeme oder im Projektmanagement."
Prof. Dr. Ingo Froböse
Also ist Gaming eine Art Training fürs Berufsleben?
In gewisser Weise schon. Es ist ein hochverdichteter Trainingsraum. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, Informationen parallel verarbeitet. Das ist vergleichbar mit vielen beruflichen Situationen – etwa in der Steuerung komplexer technischer Systeme oder im Projektmanagement. Besonders spannend wird es, wenn man Gaming als Simulation versteht.
Simulation im Sinne von Virtual Reality und industriellen Anwendungen?
Genau. Die Übergänge sind fließend. Ob Flugsimulator, OP-Training oder industrielle Wartung per VR – das Prinzip ist identisch: Ich trainiere Prozesse in einer kontrollierten Umgebung. Gamer bringen dafür oft eine hohe Grundkompetenz mit. Sie sind es gewohnt, sich in digitalen Räumen zu orientieren, schnell zu reagieren und komplexe Abläufe zu steuern.
Trotzdem hat Gaming noch immer ein eher negatives Image.
Das ist vor allem eine Generationenfrage. Die Entscheidungsträger von heute sind häufig nicht mit Gaming aufgewachsen. Für sie ist das fremd. Aber das ändert sich gerade. Gaming wird zunehmend als Kulturform akzeptiert – ähnlich wie früher Film oder Musik. Gleichzeitig darf man kritische Aspekte nicht ausblenden. Inhalte wie Gewalt oder problematische Rollenbilder werden in der öffentlichen Diskussion zurecht thematisiert. Aus wissenschaftlicher Sicht gilt jedoch: Entscheidend ist weniger das einzelne Spiel als der Umgang damit – also Kontext, Dauer und Reflexion. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Konsum unkontrolliert oder sozial isoliert stattfindet.
Sie sprechen sich also nicht für grenzenloses Spielen aus.
Genau. Die Dosis ist entscheidend. Wir wissen aus Studien: Nach etwa 20 bis 30 Minuten intensiver Belastung lässt die Konzentration nach. Wer stundenlang spielt, verliert an Leistungsfähigkeit – und riskiert gesundheitliche Probleme. Deswegen arbeiten wir mit klaren Strukturen: Spielphasen, Pausen, körperlicher Ausgleich.
Sie verbinden Gaming also bewusst mit Bewegung?
Ja, das ist zentral. Wir holen die Menschen an der Konsole ab – und führen sie wieder in die Bewegung. Das Ziel ist nicht weniger, sondern besseres Gaming. Wer körperlich fit ist, ist auch mental leistungsfähiger. Das gilt im Sport genauso wie im eSports.
Wie sieht dieses „bessere Gaming“ konkret aus?
Wir arbeiten mit Programmen, die Gaming und körperliche Aktivität kombinieren. Einen Teil des Tages wird gespielt, ein anderer Teil ist Bewegung gewidmet. Dazu kommen Themen wie Regeneration, Ernährung, Konzentrationstechniken. Im Grunde behandeln wir eGamer wie Leistungssportler.
Zum Nutzen von Gaming in der Arbeit
Und funktioniert das?
Sehr gut. Vor allem, weil Gamer verstehen: Wenn ich besser werden will, muss ich mehr tun als nur spielen. Das verändert den Umgang mit dem Medium.
Ein Blick in die Zukunft: Wohin entwickelt sich Gaming technologisch?
Ich sehe eine klare Bewegung hin zu mehr körperlicher Integration. Virtual Reality, Augmented Reality, bewegungsgesteuerte Systeme – all das wird Gaming stärker in die reale Welt holen. Man könnte sagen: Gaming wird physischer.
Also weg vom reinen Sitzen?
Genau. Die spannendsten Entwicklungen sind die, die digitale und körperliche Aktivität verbinden. Gaming wird damit zu einer Schnittstelle zwischen digitaler und realer Welt.
Und was bedeutet das für Unternehmen?
Große Chancen. Gaming-Kompetenzen werden relevanter – gerade in den erwähnten Bereichen wie Simulation, Steuerung komplexer Systeme oder Teamarbeit in digitalen Umgebungen. Gleichzeitig kann die Gaming-Kultur helfen, neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.
Ihr Fazit?
Gaming ist kein Problem, das gelöst werden muss. Es ist ein Potenzial, das man verstehen sollte. Richtig genutzt, kann es Kompetenzen fördern, Gesundheit verbessern und sogar Innovation antreiben.