Teamplayer gesucht
© Jovanmandic (iStock)
Oktober 2022

Teamplayer gesucht

Einzelkämpfer in dunklen Pixelwelten oder echte Teamplayer, die gemeinsam auf Abenteuersuche gehen und dabei reichlich Teamskills entwickeln? Lange Zeit wurden Computerspieler von der Wissenschaft kaum beachtet. Nun gibt es neue Erkenntnisse über sie. Die sind auch für Arbeitgeber interessant.

Ohrenbetäubender Lärm von den Bühnenshows der Spielehersteller und riesige Videoleinwände, auf denen Spielszenen laufen. Dazu lange Besucherschlangen vor den Anspielstationen für die neuesten Video- und Computerspiele: Wenn alljährlich in den Kölner Messehallen die weltgrößte Computerspielmesse Gamescom ihre Türen öffnet, dann erwartet die wachsende Spielergemeinde aus aller Welt ein Festival für die Sinne. Zukünftig könnte die Messe auch für Recruiter interessant sein.

2021 hat der Spielemarkt einen weltweiten Umsatz von 180 Milliarden US-Dollar erzielt und andere Unterhaltungsbranchen wie Sport, Musik und Kino längst auf die Plätze verwiesen. Laut einer Studie der Unternehmensberatung PWC könnten in der Branche bereits 2026 rund 320 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Als Booster erwies sich die Corona-Pandemie, durch die viele andere Freizeitangebote wegfielen.

Doch während Unterhaltungsformate wie Kinofilm, Comic-Literatur oder alle Spielarten der Populär-Musik längst als Teil des Kultur-Kosmos akzeptiert sind, haben Computerspiele noch immer ein Wahrnehmungsproblem. Auch diesbezüglich hat die Pandemie der Branche gutgetan – das hat zumindest Bartosz Skwarczek, Mitbegründer und CEO des Online-Spielemarktplatzes G2A.com, beobachtet: „Gaming wurde so oft mit dem falschen Pinsel gemalt – stereotyp als isolierend und ungesellig. Die Pandemie hat jedoch gezeigt, dass dies nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein könnte.“ Denn es wurde nicht nur gedaddelt, bis der Joystick glüht, sondern auch kräftig gechattet.

Top 5 der meistverkauften Computer- und Videospiele
  1. Minecraft (238 Millionen verkaufte Exemplare)
  2. Grand Theft Auto V (rund 170 Millionen)
  3. Tetris (EA-Version) (rund 100 Millionen)
  4. Wii Sports (82,9 Millionen)
  5. PlayerUnknown’s Battlegrounds (PUBG) (rund 75 Millionen)

Lange Zeit wurde Stellenbewerbern geraten, eher Hobbys wie Sport oder das Einstudieren eines Instruments in den Vordergrund zu stellen als Gaming. Auch das könnte sich bald ändern, wie neueste Forschungsergebnisse zeigen. So legten sich für eine Studie der Georgia State University Spieler und Nichtspieler bei Reaktionstests in einen Magnetresonanztomografen (MRT). Weil die Spieler bestimmte Gehirnbereiche deutlich besser aktivieren konnten, zeigten sie signifikant bessere Reaktionszeiten.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen Neurowissenschaftler der Universitat Oberta de Catalunya (UOC) in Barcelona. Videospiele, so die Forscher, können kognitive Fähigkeiten nicht nur schulen. Einmal erworbene Fähigkeiten bleiben über die aktive Spielerkarriere hinaus vorhanden.

Schon 2014 hatten Forscher vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Nicht-Spieler zu täglichem Spielen animiert und im Studienverlauf deren Gehirne per MRT vermessen. Ihr Fazit: Wer regelmäßig virtuell spielt, baut graue Gehirnmasse im sogenannten Hippocampus auf. Bedeutet: bessere räumliche Orientierung, ein leistungsfähigeres Arbeitsgedächtnis und eine verbesserte Feinmotorik.

Spielewelten als Gruppenaufgabe

In der heutigen arbeitsteiligen Berufswelt sind zunehmend Projektmanagement-Skills, Organisationstalent und Kommunikationsfähigkeiten gefragt. Bewerber mit Spieleerfahrung haben hier oft einen Heimvorteil. Denn vergleichbare Fähigkeiten sind in vielen modernen Online-Spielewelten gefordert.

In den immer beliebteren Fantasy-Rollenspielen beispielsweise verabreden sich Spieler regelmäßig zu Gruppenabenteuern. Teams von bis zu 100 Spielern treten koordiniert gegen übermächtige virtuelle Gegner oder andere Teams an. Nur wenn alle Teammitglieder über lange Zeiträume exakt ihre Teilaufgaben erfüllen und ihren Mitspielern bei Problemen schnell helfen, kann das ganze Team am Ende erfolgreich sein.

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    110 Mio.
    Abonnenten hat der Schwede Felix Kjellberg, besser bekannt als PewDiePie bei YouTube und ist damit der erfolgreichste Influencer aus der Gaming-Welt. © Screenshot YouTube
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    2,5 Mrd. Dollar
    bezahlte Microsoft 2014 für das Spielestudio Mojang („Minecraft“). Der schwedische Gründer Markus „Notch“ Persson wurde damit zum reichsten Spieleprogrammierer der Geschichte. © Public domain
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    40 Mio. Dollar
    Preisgeld gab es 2021 beim bislang bestdotierten Spieleduell der Welt zu gewinnen, dem Dota-2-Duell „The International“. © Vladislav Bychkov (Unplash)
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    7 Mio. Dollar
    Preisgeld hat sich Johan Sundstein aus Dänemark bei Dota-2-Turnieren erspielt. Kein anderer E-Gamer hat bis heute mehr verdient als der 28-Jährige. © Dota 2 The International (Wikimedia)

So lernen schon junge Spieler, sehr heterogene Mannschaften über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zusammenzuhalten, bei Konflikten zu schlichten und bei technischen Problemen schnelle Lösungen zu finden: Etwa dann, wenn ein wichtiger Teil des weltweit vernetzten Teams wegen einer lokalen Internet-Störung mitten im Pixel-Wettbewerb ausfällt.

Zugleich stehen die Spielergruppen untereinander im harten Wettbewerb: Erzielt eine Mannschaft – im Spiel meist Gilde genannt – keine Erfolge, so drohen die Mitspieler, zu anderen Gilden abzuwandern. Dann ist Verhandlungsgeschick im Bleibegespräch gefragt. Es gibt also viele Parallelen zur Arbeitswelt.

Management-Skills spielerisch entwickeln?

Personaler und Digitalisierungsexperten wie Franziska Gerner schätzen deshalb die praxisnahen Soft Skills junger Teamspieler. Als Head of Digital Competencies bei der Schaeffler AG weiß sie: „Digitalisierung und Gaming passen gut zusammen, da beides auf modernen Technologien beruht, oft Teamgeist, Problemlösungsorientierung, übergreifende Zusammenarbeit und Kommunikation erfordert – manchmal auch ein ‚Out of the box‘-Denken. Genau solche Eigenschaften suchen wir.“

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Wirtschaftswissenschaftler Prof. Markus Weinmann von der Uni Köln
© RSM

„Wer gute Spielergebnisse erreicht, verfügt in der Regel auch bereits über Fähigkeiten im Management.“

Ähnlich sieht es auch der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Markus Weinmann von der Uni Köln: „Wir haben in einer Studie gezeigt, dass Spieler und Spielerinnen, die in Strategiespielen wie etwa ‚Sid Meier’s Civilization‘ gut abschneiden, höhere organisatorische und planerische Fähigkeiten in Assessment Centern haben. Personaler und Personalerinnen könnten also anhand von Gaming-Erfahrung ableiten, wie es um bestimmte Management-Skills von Kandidaten und Kandidatinnen steht.“

Als Trainingswerkzeug sieht Weinmann Computerspiele gleichwohl nicht. Häufiges Spielen allein setzt noch keine guten Führungsskills frei. Andersherum gebe es aber eine auffällige Korrelation: Wer gute Spielergebnisse erreiche, verfüge in der Regel auch bereits über Managementfähigkeiten.

Vielleicht suchen also schon bald Headhunter in den Bestenlisten besonders schwieriger Online-Spiele nach interessanten Nachwuchskräften mit herausragenden Teamskills.

Dr. Lorenz Steinke
Autor Dr. Lorenz Steinke
Als Technik-Journalist hat Dr. Lorenz Steinke schon viel über Gaming und Spielkultur geschrieben. Auf Presseterminen und Spielemessen in Berlin, London und Los Angeles traf er immer wieder Vordenker, Gamedesigner und Entwickler aus der Spielebranche. Sein Fazit: Spielen ist viel mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung. Das allererste Spiel, das er selbst spielte? Pong.