Dieser Mann liebt Herausforderungen
© Thomas Fasting
Januar 2019

Dieser Mann liebt Herausforderungen

London, Paris, Madrid – was sich nach den Stationen eines Werbeclips für Haarspray Ende der 1980er-Jahre anhört, ist für Christian Schuster zwar auch mitunter haariger Alltag – dabei geht es statt um die Frisur des Schaeffler-Monteurs um kniffelige Wartungsarbeiten rund um den Globus.

Bloß nicht umdrehen, nicht hochschauen und schon gar nicht die Schutzbrille entfernen: Der strahlende Sonnenschein täuscht eine Wärme vor, von der Christian Schuster in diesem Moment nur träumen kann. Bei minus 20 Grad und beißendem Küstenwind hockt der 33 Jahre alte Techniker auf einem einfamilienhaushohen Gerüst in der finnischen Hafenstadt Pori, etwa drei Autostunden nordwestlich von Helsinki. Sein Auftrag: die Hauptlager der beiden Trommeln eines Rohrverlegeschiffs auswechseln. Jedes Lager hat einen Außendurchmesser von 1,75 Metern und wiegt sechs Tonnen, schließlich wird es besonderen Kräften ausgesetzt. Denn auf den Rollen werden mehrere Kilometer bereits an Land zusammengeschweißtes Rohr beispielsweise für Ölpipelines aufgewickelt. Das Auswechseln ist kein leichter Job, bei dem Schuster und seine Crew die Pendelrollenlager millimetergenau in das ebenfalls tonnenschwere Gehäuse bringen müssen.

Ein großartiges Team, auf das Schaeffler stolz ist
Dieser Mann liebt Herausforderungen© Schaeffler

Christian Schuster ist einer von sieben Mitarbeitern des Schaeffler-Montageservice. Sie sind die Männer für besondere Herausforderungen. Egal ob Wartung, Reparatur oder Austausch, egal ob im Stahlwerk, bei der Deutschen Bahn oder in einer Mine, egal ob in Saudi-Arabien, den USA, mitten auf der Nordsee oder eben im Eiskeller Pori – Schuster und seine Kollegen werden immer dann gerufen, wenn es um Präzisionsarbeiten bei gigantischen Hightech-Bauteilen geht. „Ein großartiges Team, auf das Schaeffler stolz ist“, so Andreas Krieg, der Leiter des Montageservice.

Wartung & Service weltweit

Speziallager von Schaeffler kommen rund um den Globus zum Einsatz. Monteure des Schaeffler-Kundenservice übernehmen alle nötigen Wartungs- und Reparaturarbeiten. Hier ein paar Beispiele.

  • <strong>Tagebau Garzweiler (D)</strong><br/>Das Schaufelrad des Kohlebaggers hat einen Durchmesser von 21,60 Metern. Im mehrjährigen Rhythmus ist die Revision der mächtigen Lager nötig.
    Tagebau Garzweiler (D)
    Das Schaufelrad des Kohlebaggers hat einen Durchmesser von 21,60 Metern. Im mehrjährigen Rhythmus ist die Revision der mächtigen Lager nötig. © Schaeffler
  • <strong>Mojave-Wüste (USA) </strong><br/>Für die Reparatur einer Windkraftturbine müssen die Monteure in der kalifornischen Mojave-Wüste in 80 Meter Höhe arbeiten. Stetige Windstärke 4 belastet die Speziallager axial und radial.
    Mojave-Wüste (USA)
    Für die Reparatur einer Windkraftturbine müssen die Monteure in der kalifornischen Mojave-Wüste in 80 Meter Höhe arbeiten. Stetige Windstärke 4 belastet die Speziallager axial und radial. © Schaeffler
  • <strong>London (GB) </strong> <br/> Arbeiten in luftiger Höhe: Das 2.100 Tonnen schwere Rad des 135 Meter hohen „London Eye“ lagert in zwei Schaeffler-Pendelrollenlagern.
    London (GB)
    Arbeiten in luftiger Höhe: Das 2.100 Tonnen schwere Rad des 135 Meter hohen „London Eye“ lagert in zwei Schaeffler-Pendelrollenlagern. © Schaeffler
  • <strong>Pori (FIN) </strong> <br/>Jede der beiden Rollen des Rohrverlegers „Deep Energy“ hat einen Durchmesser von 25 Metern und kann 2.800 Tonnen verlegefertig zusammengeschweißtes Pipelinerohr aufnehmen. Bei einem 200-Millimeter-Rohr reicht das insgesamt für über 90 Kilometer Pipeline.
    Pori (FIN)
    Jede der beiden Rollen des Rohrverlegers „Deep Energy“ hat einen Durchmesser von 25 Metern und kann 2.800 Tonnen verlegefertig zusammengeschweißtes Pipelinerohr aufnehmen. Bei einem 200-Millimeter-Rohr reicht das insgesamt für über 90 Kilometer Pipeline. © Schaeffler
  • <strong>Singapur (SPG)</strong><br/>Grad schwenkbaren Azipod-Antriebe sind Kreuzfahrtschiffe und andere Riesenpötte enorm wendig. Ist so ein Schiff im Dock, werden die Lagerungen gewechselt.
    Singapur (SPG)
    Grad schwenkbaren Azipod-Antriebe sind Kreuzfahrtschiffe und andere Riesenpötte enorm wendig. Ist so ein Schiff im Dock, werden die Lagerungen gewechselt. © Schaeffler
  • <strong>Nordsee (GB)</strong> <br/>Bei der Erweiterung einer Gasförderplattform mitten in der Nordsee mussten neue Fundamentgelenke montiert werden.
    Nordsee (GB)
    Bei der Erweiterung einer Gasförderplattform mitten in der Nordsee mussten neue Fundamentgelenke montiert werden. © Schaeffler

Neben der eigentlichen Arbeit sind die Gegebenheiten am Montageort in der Regel eine weitere Herausforderung. Denn trotz aller Vorabsprachen ist die Situation vor Ort immer wieder anders. Nur eine Konstante gibt es immer: den Fertigstellungstermin. Das definierte Zeitfenster muss von den Schaeffler-Monteuren unbedingt eingehalten werden. „Trotz enger Zeitvorgaben müssen wir millimetergenau arbeiten“, erklärt Montageprofi Schuster. „Einfach rein und fertig – das funktioniert mit unseren Präzisionsbauteilen nun mal nicht. Da wäre der nächste Schaden vorprogrammiert.“

Dieser Mann liebt Herausforderungen
Am Stauwehr in Hagestein, Niederlande, hat Christian Schuster gerade die Lager an dem Seilantrieb der je 270 Tonnen schweren Wehrtore ausgetauscht© Thomas Fasting

Eine Woche dauert das Abarbeiten so eines Spezialauftrags im Schnitt vor Ort. Dazu die ganzen Vorarbeiten wie die Auswahl des erforderlichen externen Montagepersonals, die Spezifikation des Bauteils, das Organisieren der Ausrüstung und des Werkzeugs. Natürlich reizt auch das fremde Land mit seiner eigenen Kultur und den verschiedenen Menschen. „Ja, das ist jedes Mal sehr spannend. Auch wenn viele unserer Projekte vom Timing her kaum Zeit für Land und Leute übrig lassen“, erklärt Schuster. Aber immerhin ermöglicht die Zusammenarbeit mit den einheimischen Kollegen vor Ort einen kleinen Einblick. „Und manchmal geht der Auftrag auch über ein Wochenende, an dem vielleicht nicht ganz so lang gearbeitet wird“, freut sich der zweifache Familienvater, der schon während der Ausbildung bei Schaeffler zum Industriemechaniker „unbedingt mit dem Endprodukt Wälzlager arbeiten“ wollte.

Speziallager mit 2,62 Meter Durchmesser

Seit 2007 ist Christian Schuster Montagespezialist für besondere Fälle. Gerade erst hat er – wie auf dem Aufmacherfoto und dem Bild unten zu sehen – die Pendelrollenlager der Stauwehranlage im niederländischen Hagestein ausgetauscht. Sie sitzen an der Seilwinde, die die zwei je 270 Tonnen schweren Wehrtore hochziehen. Mit dem Wehr wird seit 1958 der Wasserstand des Lek geregelt und somit die Schifffahrt gesichert.

Dieser Mann liebt Herausforderungen
Montage eines großen Gehäuses mit montiertem Gelenklager für eine Offshore-Anlage© Thomas Fasting

Noch mehr Gewicht müssen die beiden Pendelrollenlager in Londons rotierendem Wahrzeichen tragen, dem „London Eye“. Das mit 135 Meter Höhe größte Riesenrad Europas wiegt 2.100 Tonnen. Dessen Nabe ruht in Speziallagern mit einem Außendurchmesser von über 2,62 Metern. Beide Lager haben eine kalkulierte Lebensdauer von mehr als 50 Jahren. Jedes Jahr ist eine Revision nötig. Die letzte hat Großlager-Experte Christian Schuster gerade erledigt.

Schwindelfreiheit ist dazu eine der Voraussetzungen, die Schuster neben seiner Qualifikation als Industriemechaniker erfüllen muss. „Dazu kommen Trainings zur Höhentauglichkeit und Höhenrettung sowie ein Helicopter-Underwater-Escape-Training für Einsätze an Offshore-Windkraftanlagen oder Öl- und Gasförderplattformen“, erklärt der Schaeffler-Mitarbeiter.

Wie kommt man zu so einem Job?

Klingt hart. Also doch kein Traumjob? „Doch! Und zum Glück akzeptiert meine Familie meine ständige Abwesenheit“, sagt Christian Schuster. Bereits während der Ausbildung zum Industriemechaniker bei Schaeffler hat er den Montageservice kennengelernt und ist schließlich von einem damaligen Ausbildungskollegen angesprochen worden: „Das ist doch genau das Richtige für dich! Du liebst doch Herausforderungen.“

Carsten Paulun
Autor Carsten Paulun
Carsten Paulun begeisterte sich schon als Kleinkind für Technik. Alles, was er in die Finger bekam, wurde zerlegt und untersucht – auch heute noch. In den Mitarbeitern des Montageteams von Schaeffler, insbesondere in Christian Schuster, hat unser Autor auf Anhieb die richtigen Gesprächspartner zum Fachsimpeln gefunden.