Sky in Motion

Von Björn Carstens
Die Raumfahrt zündet die nächste Entwicklungsstufe: Immer mehr private Unternehmen erobern den Orbit, immer mehr Satelliten finden ihren Weg ins All und die Daten dazu werden zum wertvollen Gut. Was einst staatliche Mission war, entwickelt sich immer mehr zur globalen Hightech-Industrie mit enormem Wachstumspotenzial. Auch Schaeffler verfolgt das mit großem Interesse.
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Fern über unseren Köpfen wächst etwas heran, das die Raumfahrt nachhaltig verändern wird. Schon jetzt umkreisen mehr als 14.000 aktive Satelliten unseren Planeten, zehnmal mehr als noch vor zehn Jahren. Und es werden fast täglich mehr: In den nächsten fünf bis zehn Jahren dürfte die erdnahe Umlaufbahn zum Hotspot eines regelrechten Satelliten-Booms werden. Angetrieben von Initiativen aus den USA und China könnte die Zahl aktiver Satelliten im sogenannten Low Earth Orbit (LEO) laut Prognosen der Einstein Space Consulting bis zum Jahr 2034 rasant auf bis zu 80.000 ansteigen – die meisten davon zwischen 500 und 600 Kilometern Distanz zur Erde. Die erwartete durchschnittliche Wachstumsrate liegt bei beachtlichen 38 Prozent pro Jahr – ein Highspeed-Tempo, das schon lange nicht mehr staatliche Raumfahrtagenturen bestimmen. Vielmehr sind es private Unternehmen, die das Tempo mit neuen Ansätzen und Innovationen vorgeben.

Unternehmen wie der Branchenriese SpaceX befördern Satelliten in Serie ins All. Die US-Amerikaner betreiben mit Starlink das größte Satellitennetzwerk der Welt, über 10.000 Satelliten sorgen für ein weltweites Breitband-Internet, auch in entlegenen Gebieten. Diese zunehmende Beteiligung privater Unternehmen an Raumfahrt und Weltraumtechnik, verbunden mit neuen Technologien und Geschäftsmodellen, wird „New Space“ genannt.

Fünf Megatrends treiben New Space voran

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Warum New Space gerade jetzt durchstartet, lässt sich auf fünf globale Tech-Megatrends zurückführen. So werden Satelliten in einer zunehmend angespannten geopolitischen Lage zu einer unverzichtbaren kritischen Infrastruktur für Sicherheit und Verteidigung. Gleichzeitig treibt die Digitalisierung den Bedarf nach lückenloser globaler Konnektivität voran. Ohne den Blick aus dem All wäre unsere vernetzte Welt wohl kaum denkbar. Zudem gewinnen mit einer fortschreitenden Urbanisierung Erdbeobachtungsdaten als Fundament smarter Städte rasant an Bedeutung. Stichwort Verkehrsflussanalyse oder Luftqualitätsmessung.

Space to Motion

9 Space-Tech-Innovationen, die unseren Alltag prägen:

  • Mini-Kameras & Bildsensoren
    Für interplanetare Missionen entwickelt, stecken energieeffiziente, kompakte Kameras heute in Smartphones, Digitalkameras und Medizintechnik.
  • Kratzfeste Beschichtungen
    Ursprünglich für Astronautenhelme gedacht – heute Standard bei Brillen, Sonnenbrillen und Schutzvisieren.
  • Bildverarbeitung für die Medizin
    Technologie zur Verbesserung von Mondaufnahmen bildet die Grundlage moderner CT- und MRT-Diagnostik.
  • LED-Technologie
    Für Pflanzenwachstum im All entwickelt – heute in Beleuchtung und medizinischen Therapien im Einsatz.
  • Hochentwickelte Prothesen
    Robotik, Sensorik und Materialien aus der Raumfahrt machen künstliche Gliedmaßen leistungsfähiger und realistischer.
  • Solarenergie (Photovoltaik)
    Weiterentwicklung von Solarpaneelen für Raumstationen hat erneuerbare Energien auf der Erde revolutioniert.
  • Kabellose Headsets
    Freihändige Kommunikationssysteme für Astronauten sind die Vorläufer moderner Wireless-Headsets.
  • Wasserfiltersysteme
    Für Raumkapseln entwickelt – heute essenziell für sauberes Trinkwasser weltweit.
  • Tragbare Computer (Laptops)
    Modifizierte Raumfahrt-Computer ebneten den Weg für moderne portable Rechner.

Auch der Vormarsch autonomer Systeme, vom selbstfahrenden Auto bis zur Drohne, ist auf hochpräzise Navigation aus dem Orbit angewiesen. Und nicht zuletzt spielt der New-Space-Sektor eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den Klimawandel: Laut einem Bericht des Weltwirtschaftsforums könnten Satellitendaten bis 2030 helfen, rund zwei Gigatonnen CO₂ jährlich einzusparen.

Der weltweite Markt für den Bau von Raumfahrzeugen, sprich Satelliten und Trägerraketen,  wird laut unterschiedlichen Marktanalysen – unter anderem „Future Market Insights“ – bis 2035 auf 87 bis etwa 115 Milliarden US-Dollar anwachsen. Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung sind die massiv gesunkenen Kosten. „Einer der größten Gamechanger sind die stark fallenden Transportkosten in den Orbit“, weiß Franz Pellkofer, bei Schaeffler Advanced Innovation verantwortlicher Projektleiter für den Bereich New Space. Die Motion Technology Company Schaeffler liefert seit rund 40 Jahren Bauteile für die Raumfahrt (siehe Infokasten unten) und gehört zum exklusiven Kreis der entsprechend zertifizierten Zulieferer. So hat das Unternehmen etwa Präzisionswälzlager für die Haupttriebwerke der Trägerrakete der Mondmission Artemis 2 geliefert, die im April 2026 mit der Wasserlandung der Orion-Raumkapsel im Pazifik erfolgreich zu Ende ging.

Wie Raumfahrt skalierbar wird

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„Die Kosten für Raketenstarts sind seit 2010 um 90 Prozent gefallen, Satelliten sind heute zu über 90 Prozent leichter als früher und die Nutzlasten der neuen Raketen steigen um das Fünf- bis Zehnfache“, erklärt Pellkofer. Unternehmen wie SpaceX arbeiten an einer weiteren drastischen Reduktion. Langfristige Visionen bis ins Jahr 2040 reichen laut NASA bis in Bereiche von unter 100 Dollar pro Kilogramm – in extrem optimistischen Szenarien sogar deutlich darunter.

Möglich machen das vor allem wiederverwendbare Raketen und technologische Fortschritte wie die Miniaturisierung von Satelliten: „Früher hatten sie die Größe eines Schulbusses, heute passen sie in einen Kühlschrank – bei gleicher oder sogar besserer Leistung“, berichtet der Experte von Schaeffler, Franz Pellkofer. Und sie operieren mittlerweile in sogenannten Konstellationen. Das eröffnet völlig neue technische Möglichkeiten. Hinzu kommt, dass kleinere Satelliten nicht nur Kosten sparen, auch die Entwicklungszeit nimmt ab. Standardisierte Plattformen, modulare Bauteile, automatisierte Fertigung. Waren Satelliten früher eher Einzelstücke, wird heute in Serie gebaut. Pellkofer: „Die Lebensdauer solcher kleiner Satelliten im erdnahen Orbit reduziert sich dabei auf ungefähr fünf Jahre. Danach verglühen diese beim Wiedereintritt in die Atmosphäre und werden durch neue ersetzt. Auch in dem Punkt erleben wir eine Zeitenwende.“

Zahlen, Daten, Fakten

  • 22,3 Mrd. €
    umfasst das 2025 beschlossene ESA‑Investitionsvolumen, um die europäische Raumfahrt auszubauen.
  • 10×10×10 cm
    reichen heute für einen voll funktionsfähigen Satelliten. Diese CubeSats liefern Bilder, kommunizieren autonom und passen in einen Rucksack.
  • 1 mm
    Bewegungsänderung kann Radar-Interferometrie aus hunderten Kilometern Höhe erkennen. So lassen sich Hangrutschungen oder Gebäudeverformungen frühzeitig detektieren.
  • 20 Jahre
    Lebensdauer erreichen manche geostationären Satelliten heute. On‑Orbit‑Servicing könnte diese Zeit künftig sogar verlängern.

Raumfahrt wird so immer skalierbarer. Und immer rentabler. Damit verändert sich das Geschäftsmodell grundlegend. „Früher waren Satelliten ein teures Nice-to-have. Heute werden sie immer mehr zum Must-have, wenn man digitale Daten wirtschaftlich nutzen möchte“, sagt Pellkofer. „Die Daten werden im All gesammelt, die Wertschöpfung findet mit den darauf aufbauenden Geschäftsmodellen auf der Erde statt.“ Versicherungen bezahlen viel Geld für Daten, um ihre Prämien zu kalkulieren. Auch in der Land- und Forstwirtschaft sind Erdbeobachtungsdaten enorm beliebt. Aus dem All lässt sich sehen, wo Böden austrocknen, wo Pflanzen Nährstoffe brauchen oder wo Wasser gespart werden kann. Selbst Offshore-Windräder können damit aus dem All überwacht werden.

Raumfahrt ist zu einem Data-Business geworden. Eine Studie von Roland Berger und dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) aus dem Jahr 2023 hat errechnet, dass der Markt für weltraumgestützte Anwendungen bis 2040 auf über 1.250 Milliarden Euro anwachsen und somit zu einer Billionen-Branche werde dürfte.

Europa im Wettlauf um den Orbit

Das ist die neue Realität: Raumfahrt wird ein industrieller Markt, in dem nicht nur Start-ups, sondern auch klassische Industrieunternehmen mit der entsprechenden Expertise erfolgreich agieren können. Experten sprechen von einer neuen globalen Industrie. Sie unterteilen das Wachstum dieses Sektors in sechs Entwicklungsphasen, die in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren durchlaufen werden sollen. In der ersten Phase, in der wir uns aktuell befinden, entstehen riesige Satellitenkonstellationen im niedrigen Erdorbit. In Phase zwei übernehmen Roboter die Arbeit im Orbit: Sie reparieren, betanken oder entsorgen Satelliten – ein völlig neuer Servicemarkt. In Phase drei ersetzen private Raumstationen die ISS, Forschung, Produktion und Datenverarbeitung wandern ins All. Phase vier beinhaltet den Aufbau einer Infrastruktur im Mondorbit. Energieversorgung, Kommunikation, Transport – der Mond wird zum logistischen Außenposten. Phase fünf etabliert eine erste Mondwirtschaft mit lokalen Ressourcen und industriellen Prozessen. Und schließlich startet Phase sechs: robotische Missionen zum Mars, später bemannte Flüge, begleitet von einer Infrastruktur, die Langzeitmissionen überhaupt erst möglich macht.

Soweit der grobe Fahrplan. Es gibt viel zu tun im All.

Schaeffler im New Space

Mit den Tech Talks hat die Motion Technology Company Schaeffler ein neues Kommunikationsformat gestartet, in dem disruptive Technologien und Innovationen diskutiert werden. Die Premiere widmete sich eben jenem Wachstumsfeld, das längst nicht mehr nur Raumfahrtingenieure und Tech-Visionäre umtreibt, sondern auch etablierte Industrieunternehmen auf den Plan ruft: New Space.

„Die Raumfahrtbranche wächst rasant, und zahlreiche Produkte und Technologien von Schaeffler lassen sich für die unterschiedlichsten Anwendungen in diesem Bereich anpassen und einsetzen. Dank unserer Fähigkeit, innovative Produkte der Motion Technology mit höchster Präzision und in großem Maßstab herzustellen, sehen wir im Raumfahrtsektor große Wachstumschancen auch für die Schaeffler Gruppe.“

Klaus Rosenfeld, Vorstandsvorsitzender der Schaeffler AG
Sky in Motion
Klaus Rosenfeld, Vorstandsvorsitzender der Schaeffler AG, eröffnete die Tech Talks und erläuterte die Kompetenzen und Stärken, die Schaeffler in den New-Space-Sektor einbringen kann© Schaeffler

Schaeffler hat das enorme Potenzial der sich rasant wandelnden Raumfahrt nicht erst gestern erkannt. Für den global tätigen Konzern mit gut 40-jähriger Raumfahrtexpertise (Lagerlösungen für Turbopumpen, Schwungräder etc.) ist New Space kein Neuland, sondern eine Chance, langjähriges Know-how in Präzision, Materialtechnik und Fertigungsexzellenz in den wachsenden Weltraummarkt einzubringen.

Welche industriellen Anforderungen das Wachstumsfeld New Space konkret mit sich bringt, machte Uwe Wagner, Vorstand Forschung und Entwicklung der Schaeffler AG, in seinem Impulsvortrag bei den Tech Talks deutlich. Sein Blick richtete sich dabei besonders auf Schaefflers Kompetenzen in der Produktion hochpräziser Komponenten, mechatronischer Systeme sowie in den Bereichen Sensorik und Steuerung – Fähigkeiten, die im All unter gänzlich anderen Vorzeichen gefragt sind als auf der Erde. „Das Zukunftsfeld New Space erfordert spezielle Voraussetzungen an Technologie und Bauteile, zum Beispiel in der Materialverarbeitung oder bei Beschichtungen", erklärt Wagner.

Wie der Weg von der Idee zu einer marktfähigen Lösung aussehen kann, zeigt ein Blick auf Schaefflers Technologieportfolio. „Ein Großteil der Schlüsseltechnologien als Basis für komplette Satellitensubsysteme hat Schaeffler bereits im Portfolio seiner acht Produktfamilien – von Präzisionslagern über bürstenlose Gleichstrommotoren bis zu Sensorik und mechatronischer Integration. Zusammen mit der Automotive-Expertise können wir nun die Transformation hin zu komplexeren Subsystemen inklusive Control-Motion Features bewerkstelligen“, sagt Innovationsmanager Franz Pellkofer, Projektleiter für den Bereich New Space.

Schaeffler sieht im Wachstum des Bereichs New Space klare Chancen: Viele Schlüsseltechnologien, die dort benötigt werden, sind seit Jahrzehnten Teil des Kerngeschäfts. Besonders deutlich wird das bei den Reaction Wheels – unscheinbare, aber unverzichtbare Schwungräder, die Satelliten stabilisieren und für die Schaeffler bereits heute spezielle Präzisionslager zuliefert. „Ohne Reaction Wheels keine Erdbeobachtung, keine Navigation, keine Kommunikation“, betont Pellkofer. Basierend auf ersten Untersuchungen prüft Schaeffler mögliche Partnerschaften mit Raumfahrtunternehmen und ESA-Konsortien, um nicht nur einzelne Komponenten zu liefern, sondern komplette Subsysteme für Satelliten anzubieten.

Pellkofer sagt dazu: „Schaeffler entwickelt langlebige, wartungsfreie Komponenten, die Zuverlässigkeit auch unter extremen Bedingungen gewährleisten und ökologische Aspekte berücksichtigen. Die extremen Bedingungen im Weltraum erfordern höchste Präzision und Zuverlässigkeit. Unsere jahrzehntelangen Kompetenzen in Materialtechnologien, Oberflächenbehandlung, Thermomanagement und funktionaler Sicherheit ermöglichen erstklassige Produkte und sorgen für höchste Nutzbarkeit der Gesamtsysteme.“

Heißt: Schaeffler überträgt bewährte Serienfertigungsprozesse aus der Automobil- und Industrieproduktion auf den Space-Markt. „Wir bringen Bewegung dorthin, wo sie den größten Fortschritt ermöglicht“, sagt Pellkofer. Gleichzeitig profitieren auch irdische Anwendungen: Erkenntnisse zu Reibungsminimierung und Materialbelastbarkeit fließen zurück in E-Mobilität, Robotik oder industrielle Fertigung.

Kooperation mit Satellitenspezialist

Schaeffler und der US-Satellitenspezialist Spire Global wollen eine eigenständige europäische Raumfahrtinfrastruktur aufbauen – eine Absichtserklärung ist bereits unterzeichnet. Schaeffler bringt seine Präzisionsfertigung ein, Spire seine Satelliten-Expertise. Zunächst geht es um Subsysteme für Satelliten sowie Hochfrequenz- und Umweltsensorik, langfristig um ein eigenständiges europäisches Geschäftsfeld für Raumfahrt-Hardware und -Missionen – im großen Maßstab einsetzbar für Verteidigung, Wetter, zivile Sicherheit und kritische Infrastruktur.

Spire hat seit 2013 über 240 Satelliten bei mehr als 40 Raketenstarts ins All gebracht und fertigt aktuell 300 bis 400 pro Jahr, unter anderem seit 2025 in München.

Sky in Motion
Spire hat seit 2013 über 240 Satelliten bei mehr als 40 Raketenstarts ins All gebracht © Spire