Mein Urlaub, mein Roboter

Von Björn Carstens
Willkommen im Hotel der Zukunft, in dem der Concierge statt Anzug Sensoren und Kameras trägt. Während der eine Roboter die Zimmerkarte organisiert, bringt ein anderer frische Handtücher und erfüllt auch sonst jegliche Wünsche der Gäste. Der Tourismus erlebt gegenwärtig einen technologischen Wandel. „tomorrow“ nennt Beispiele rund um den Erdball.
© Peggy Cheung/iStock

Die Automatisierung im Tourismussektor schreitet voran. Unaufhörlich. Je nach Erdteil mal mit kleineren Schritten, mal mit Siebenmeilenstiefeln. Nicht immer wird der Fortschritt dabei allein von einer technologischen Begeisterung vorangetrieben. Ein entscheidender Motor heißt Personalmangel. Zu wenige Dienstleistende aus Fleisch und Blut treffen auf zu viele Reisende.

Hotels, Restaurants und andere touristische Betriebe suchen erdballumspannend händeringend nach Mitarbeitenden – besonders jetzt in der Hauptreisezeit, wenn Ferienregionen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und Millionen Urlauber gleichzeitig betreut werden müssen. Gleichzeitig erwarten Gäste einen schnellen Service, Mehrsprachigkeit und Erreichbarkeit rund um die Uhr. Eine Lösung sind mehr dienstleistende Roboter, die zur Unterstützung einspringen könnten.

Nach einer Analyse der US-amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley könnten bis 2050 weltweit nahezu eine Milliarde humanoide Roboter im Einsatz sein. Neben der Industrie gilt die Dienstleistungsbranche, insbesondere dort, wo viele Arbeitsabläufe standardisiert und wiederkehrend sind, als Wachstumstreiber. Schon heute sind im Hotel- und Gaststättengewerbe spezialisierte Roboter – mal mit mehr, mal mit weniger menschenähnlichen Zügen – deutlich sichtbar im Einsatz. Sie bringen Speisen und Getränke an den Tisch, begleiten Gäste zum Aufzug, liefern Gepäck aufs Zimmer und unterstützen das Personal bei Routineaufgaben.

Asien als Vorreiter

Vor allem, wer heute nach Asien reist, begegnet Servicerobotern vielerorts ganz selbstverständlich. Ein besonders verbreitetes Beispiel sind die autonomen Lieferroboter. Sie fahren selbstständig durch Hotelflure, erkennen dank Sensoren und Kameras Hindernisse und liefern direkt bis vor die Zimmertür.

Mein Urlaub, mein Roboter
Zimmerservice! Lieferroboter übernehmen vielerorts schon heute klassische Aufgaben in Hotels© Chesky_W/iStock

Das deutsche Tech-Unternehmen Neura Robotics, mit dem die Motion Technology Company Schaeffler eine strategische Partnerschaft zur gemeinsamen Entwicklung und Lieferung von Schlüsselkomponenten für Humanoide eingegangen ist, geht mit seinem Modell 4NE1 einen Schritt über die klassische Servicerobotik hinaus und möchte humanoide Robotik in den Hotelbetrieb integrieren.

Mein Urlaub, mein Roboter
Das deutsche Tech-Unternehmen Neura Robotics kooperiert mit der Plaza Hotelgroup© Neura Robotics

Die Neura-Roboter sollen Mitarbeitende von Kooperationspartner Plaza Hotelgroup bei unterschiedlichsten Aufgaben an der Rezeption, im Service und Housekeeping unterstützen. Trainiert werden die Systeme in sogenannten Neura Gyms, in denen die Roboter reale Arbeitssituationen einstudieren.

„Unsere Branche befindet sich im Wandel. Mit Neura Robotics entwickeln wir konkrete Lösungen für den Hotelalltag.“

Yonca Yalaz, CEO der Plaza Hotelgroup

Auch der tschechische Robotik-Spezialist Flae Robotics zielt mit seinem Empfangsroboter auf den akuten Personalmangel in der Hotellerie ab. Der autonome Front-Office-Assistent übernimmt Check-ins, beantwortet Gästeanfragen in mehr als 100 Sprachen und lässt sich nahtlos in bestehende Hotel-Management-Systeme integrieren. Nach erfolgreichen Einsätzen in Tschechien und Großbritannien will das Start-up nun den Markt in Deutschland, Österreich und der Schweiz erschließen.

Mein Urlaub, mein Roboter
So könnte die Zukunft in Hotels aussehen: ein Empfangsroboter des tschechischen Start-ups Flae Robotics© Flae Robotics
Roboter immer menschenähnlicher

Die nächste Generation der Roboter scheint dem Menschen immer ähnlicher zu sehen. Kein Zufall: Humanoide Maschinen sollen künftig überall dort einspringen, wo Hände fehlen – an der Hotelrezeption, beim Zimmerservice, aber auch im Krankenhaus, in der Logistik oder in der Produktion. Wie rasant sich die Entwicklung vollzieht, zeigt das chinesische Robotik-Unternehmen Ubtech mit seinem neuen Modell U1. Der nach Unternehmensangaben weltweit erste humanoide Roboter aus Großserienfertigung verfügt über 88 Servogelenke, kann bis zu 90 Prozent menschlicher Bewegungen nachahmen und zeigt 300 Mikroausdrücke – inklusive Blinzeln. Seine Silikonhaut mit Poren und feinen Falten wirkt nicht nur verblüffend echt, sondern soll sich auch nahezu wie menschliche Haut anfühlen.

Mein Urlaub, mein Roboter© Ubtech
Autonomes Hotel in China geplant

In der chinesischen Millionenmetropole Shenzhen entsteht derzeit sogar ein komplettes Hotel, das ab 2027 weitgehend autonom betrieben werden soll. Künstliche Intelligenz und spezialisierte Serviceroboter sollen dabei nahezu alle operativen Abläufe übernehmen – vom Check-in und Check-out über den Gepäcktransport bis zur Zimmerreinigung und dem Service in den Restaurants.

Ob dieses Konzept aufgeht, bleibt allerdings offen. Ein Blick nach Japan zeigt, dass der Weg zum vollständig automatisierten Hotel steiniger ist als vielfach angenommen. Das als Vorzeigeprojekt gestartete Henn na Hotel musste 2021 einen Großteil seiner Roboter wieder außer Dienst stellen, nachdem Sprachassistenten Gäste missverstanden, Service-Roboter an alltäglichen Situationen scheiterten und der technische Mehraufwand den erhofften Effizienzgewinn teilweise zunichtemachte. Die damalige Schlussfolgerung: Robotik entfaltet ihren größten Mehrwert dort, wo sie klar definierte Aufgaben übernimmt – nicht dort, wo sie menschliche Interaktion vollständig ersetzen soll.

„Robotik und intelligente Assistenzsysteme ersetzen im Hotel nicht den Menschen – sie schaffen Freiräume für das, was Gastfreundschaft wirklich ausmacht. Ob im Gästeservice und der Concierge-Unterstützung, bei Zimmerlieferungen und Housekeeping, im Food-&-Beverage-Bereich oder in der Back-of-House-Logistik: Ihr größter Mehrwert liegt darin, den persönlichen Service zu stärken und Mitarbeitende gezielt zu entlasten.“

Analyse der Schweizer Hotelfachschule École hôtelière de Lausanne
Roboter an Flughäfen

Die Robotik-Revolution endet nicht an der Hoteltür. Auch Flughäfen weltweit setzen zunehmend auf intelligente Helfer – vom Service bis zum Vorfeld. Am Tokio-Haneda Airport testet Japan Airlines Roboter, die Gepäck und Fracht transportieren und künftig auch bei Reinigungs- und Wartungsaufgaben unterstützen könnten. Der Grund ist derselbe wie in Hotels und Restaurants: Fehlende Arbeitskräfte treffen auf wachsende Passagierzahlen.

Am San José International Airport in Kalifornien begrüßt mit „José“ ein humanoider KI-Assistent Reisende. Er beantwortet Fragen, gibt Fluginformationen und kommuniziert in mehr als 50 Sprachen. Die Botschaft hinter den Projekten: Der Flughafen der Zukunft wird nicht menschenleer – aber zunehmend von digitalen Kollegen unterstützt.

Mein Urlaub, mein Roboter
Am San José International Airport in den USA begrüßt der humanoide KI-Assistent José die Passagiere und gibt bereitwillig Auskunft – 24/7
Roboter in Restaurants autonomer als in Hotels unterwegs

Nicht nur Hotels, auch immer mehr Restaurants entdecken die Robotik für sich, Serviceroboter gehören inzwischen zum Alltag vieler Betriebe dazu. Sie transportieren Teller aus der Küche, sammeln Geschirr ein oder bringen Getränke an den Tisch. Sie navigieren selbstständig zwischen Gästen und reduzieren lange Laufwege für das Personal.

Dienstleistende Roboter zur Entlastung des Menschen oder aber zur vollständigen Übernahme von Bewirtungsaufgaben sind keine Zukunftsmusik mehr. So hat 2025 am Flughafen El Prat im spanischen Barcelona mit SELF ein KI-gestütztes Roboterrestaurant eröffnet. Der Ablauf ist denkbar einfach: Reisende bestellen an digitalen Terminals, anschließend übernimmt ein Roboterarm mit Greifer und fünf taktilen Fingern die Ausgabe. Mithilfe von künstlicher Intelligenz und Kameratechnik erkennt das System Produkte, priorisiert Bestellungen und kann bis zu sechs Aufträge gleichzeitig verwalten. Kaffee, Snacks, Sandwiches oder Getränke gelangen so nahezu autonom zum wartenden Passagier.

Weltweit gibt es eine Menge ähnlicher Beispiele. In den USA eröffnete Nala Robotics bereits 2021 mit One Mean Chicken eines der ersten KI-gesteuerten Restaurants, in dem Roboter nahezu den gesamten Kochprozess übernehmen. In Deutschland ging 2022 bei der Gastrokette Sausalitos in München die erste Roboter-Bar an den Start: Roboterarme mixen Cocktails, während Gäste per QR-Code bestellen. Und bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking servierten Roboter Burger, Getränke und komplette Menüs nahezu kontaktlos. Technisch beeindruckend – doch ein Journalist brachte auch die Grenzen auf den Punkt: „Mir fehlt, dass ich einfach mal mein Essen von einem echten Menschen überreicht bekomme.“

Hinter dem Ganzen steckt ein milliardenschwerer Markt

Und trotzdem: Der Markt für Robotik in Hotellerie und Gastronomie wächst immer schneller. Je nach Marktforschungsinstitut dürfte das weltweite Marktvolumen in wenigen Jahren auf rund zwei bis drei Milliarden US-Dollar ansteigen. Die Prognosen gehen von jährlichen Wachstumsraten zwischen 17 und 25 Prozent aus. Als wichtigste Treiber gelten der beschriebene anhaltende Fachkräftemangel, steigende Personalkosten, die fortschreitende Digitalisierung und die wachsende Akzeptanz automatisierter Dienstleistungen.

So erwarten die Unternehmensberater von Mordor Intelligence, dass der Markt von 760 Millionen US-Dollar im Jahr 2026 auf rund 2,23 Milliarden US-Dollar bis 2031 wächst. Allied Market Research prognostiziert sogar einen Anstieg auf mehr als drei Milliarden US-Dollar bis 2030.

Zahlen, Daten, Fakten
  • Mehr als 42.000 Roboter
    für Hotels, Restaurants und öffentliche Services wurden 2024 verkauft. Sie begrüßen Gäste, liefern Speisen und Getränke oder unterstützen bei einfachen Routineaufgaben.
  • Um 31 Prozent
    legten Miet- und Abo-Angebote für Roboter („Robot-as-a-Service“) 2024 zu – interessant vor allem für Hotels und Restaurants, die Automatisierung ohne hohe Anfangsinvestitionen testen wollen.
  • 74 Prozent
    der neu produzierten professionellen Serviceroboter wurden 2024 in Asien eingesetzt. Europa kam auf 16 Prozent, Amerika auf 9 Prozent.

Quelle: International Federation of Robotics

Fazit: eine neue Arbeitsteilung

Die eigentliche Revolution ist nicht der Roboter. Sie besteht vielmehr darin, dass sich die Rollen verändern. Maschinen übernehmen Wege, Transporte und Routineaufgaben. Künstliche Intelligenz beantwortet Standardfragen innerhalb von Sekunden. Der Mensch dagegen wird dort wichtiger, wo Technik an ihre Grenzen stößt: bei Aufmerksamkeit, Empathie, Improvisation und echter Gastfreundschaft.

Vielleicht liegt genau darin die Zukunft des Reisens. Nicht im Hotel ohne Menschen – sondern im Hotel, in dem Menschen endlich wieder mehr Zeit für ihre Gäste haben, weil Roboter ihnen die Routinearbeit abnehmen. Zwischen Concierge und Cobot entsteht so kein Konkurrenzkampf, sondern möglicherweise die neue Arbeitsteilung der Hotellerie.

Schaeffler und humanoide Roboter

Die Motion Technology Company Schaeffler positioniert sich als wichtiger Zulieferer und Industrialisierungspartner für die aufstrebende Branche der humanoiden Roboter. Der Konzern liefert Schlüsselkomponenten wie Präzisionsgetriebe und Aktoren – die Gelenke und Muskeln der Roboter. Zudem setzt Schaeffler die Maschinen selbst in seiner eigenen Produktion ein. Schaeffler sieht sich als Partner für das gesamte Ökosystem humanoider Roboter. Lesen Sie mehr dazu hier.