Großväterchens Mondfahrt

Von Dr. Lorenz Steinke
Nie war die Zukunft schöner, nie die Technikbegeisterung größer als in jener kurzen Zeit zwischen der Wende zum 20. Jahrhundert und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Elektrizität, Radioaktivität, der erste Motorflug, die Funktelegrafie – nichts schien dem menschlichen Erfindergeist mehr unmöglich. Auch die Arbeitswelt sollte bald ganz anders aussehen …

Noch war die „unsinkbare“ Titanic nicht auf ­einen Eisberg gelaufen und noch ahnte kaum ein Mensch, dass schon bald der erste moderne Krieg Europa und die Welt erschüttern würde. Dafür aber sendete der vom Italiener Guglielmo Marconi erfundene Drahtlos-Funk seit 1907 immer unglaublichere Nachrichten über den Atlantik: Etwa von den Motorflügen der Gebrüder Wright in Kitty Hawk oder von den Segnungen der elektrischen Wolfram-Glühlampe des amerikanischen Tüftlers Thomas Alva Edison. Bereits 1895 war Wilhelm Conrad Röntgen mittels der nach ihm benannten Strahlung der Blick durchs Körperinnere gelungen, während Forscher wie Louis Pasteur und Robert Koch mit dem Auge am Mikroskop die moderne Mikrobiologie begründeten. 1898 hatte das Physiker-Ehepaar Marie und Pierre Curie das Radium entdeckt, das schon bald im Ruf stehen sollte, mit seiner segensreichen Strahlung fast jede Krankheit zu kurieren und – hoch genug dosiert – gar den Tod und das Altern abzuschaffen. Derweil beflügelte der Konstanzer Kavallerie-General Ferdinand von Zeppelin mit seinen starren Luftschiffen aus Baumwolle, Aluminium und Rinderblinddärmen die hochfliegenden Träume einer ganzen Nation. Auch die Schwerkraft schien damit endgültig bezwungen.

Manche Utopie ist real geworden

Der Euphorie der Zeit folgend, malten Wissenschaftler und das noch junge Genre der Science-Fiction-Literatur, aber auch die Illustratoren der damals sehr beliebten Schokoladen-Sammelkarten ein strahlendes Bild des Jahres 2000. Da sah die Berliner Kakaofabrik Hildebrand (später bekannt für ihre Koffeinschokolade Scho-Ka-Kola) die Kriminalisten der Zukunft auf Verbrecherjagd – mit tragbaren Röntgengeräten durch Wände blickend. Heute hat die Realität die Fantasie längst eingeholt. Seit 1996 durchleuchtet beispielsweise der Hamburger Zoll Container mit Röntgentechnik, um kriminellen Schmugglern das Handwerk zu legen. Die Bilanz der ersten 20 Jahre: Insgesamt wurden mehr als 1,5 Milliarden unversteuerte Zigaretten, 2.700 Waffen und Munition, 38.000 Kilogramm Marihuana, 13.200 Kilogramm Haschisch und 4.600 Kilogramm Kokain sichergestellt. Wohlgemerkt von einer einzigen stationären Anlage. Und auch die auf dem Schokoladenbildchen festgehaltene Personenbeobachtung durch Wände ist heute längst möglich – dank sensibler Wärmebildkameras.  

Aber zurück in die Utopie der Vergangenheit: Feuerwehrleute flatterten auf einer französischen Postkartenserie (En L’An 2000) mit Fledermausflügeln zum Einsatz in luftiger Höhe, während von Rückenpropellern beschleunigte Grenzsoldaten auf Schmugglerjagd gingen. Auch diese Visionen sind wahr geworden. Dubai rüstet die Feuerwehr mit Jetpacks aus. Mit den Raketenrucksäcken sollen die Retter im Notfall Menschen aus brennenden Wolkenkratzern bergen können. Auch die Polizei des Emirats soll in die Luft gehen, auf sogenannten Hoverboards. Die Verbrechensbekämpfung mit unbemannten Drohnen ist ebenfalls längst Alltag.

  • Düstere Aussichten für Ganoven: Die Polizei setzt auf Röntgenblick …
    Düstere Aussichten für Ganoven: Die Polizei setzt auf Röntgenblick … © Hildebrands Deutsche Schokolade
  • … der Grenzschutz auf Luftraumüberwachung.
    … der Grenzschutz auf Luftraumüberwachung. © Wikipedia
  • Hochhäuser wachsen plötzlich gen Himmel – die Feuerwehr folgt beflügelt
    Hochhäuser wachsen plötzlich gen Himmel – die Feuerwehr folgt beflügelt © Wikipedia

Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern

André Malraux, französischer Schriftsteller (1901–1976)


Auch im Bereich Mobilität haben viele Utopisten Weitblick bewiesen – auch wenn manche Idee in der Fantasiewelt steckenblieb: Globale Distanzen schmolzen schon damals zu Kurzstrecken, eine Schwebebahn brachte täglich Geschäftsreisende von Berlin nach Kamerun. Wer beruflich den Atlantik queren musste, nahm den unterseeischen Wal-Bus oder fuhr über Wasser und Land ohne umzusteigen mit der praktischen Schiffseisenbahn, die nahtlos von den Wellen auf die Gleise glitt. Und war die Reiselust noch nicht gestillt, ging es abends mit der geschlossenen Motorflugdroschke zum Mond und zurück (Aufmacherbild).

  • Seefahrtsvisionen: amphibischer Elementenwechsel mit der<br/>Schiffseisenbahn …
    Seefahrtsvisionen: amphibischer Elementenwechsel mit der
    Schiffseisenbahn … © Wikipedia
  • ... und Atlantikquerung mit dem Unterwasser-Wal-Bus
    ... und Atlantikquerung mit dem Unterwasser-Wal-Bus © Hildebrands Deutsche Schokolade



Auf der Veranda seiner Agrarfabrik dirigiert derweil der Landmann 2.0 ein Heer von Erntemaschinen per Hebelfernsteuerung durch die Felder. Auch hier sind autonome Landmaschinen und Roboter als Stallburschen längst Wirklichkeit. Gleichermaßen real-visionär: Der Schneider nebenan, der aus dem dampfgetriebenen 3D-Drucker im Handumdrehen die gewünschte Maßkonfektion hervorzaubert. Noch heute utopisch ist hingegen die Vision vom Dirigenten, der ein Roboterorchester dirigiert. Und ob je eine Maschine den Friseur ersetzen wird? Wenn, dann mit Sicherheit anders als in der französischen Postkartenserie illustriert. Dort bediente ein Barbier einen frühen Urahnen eines modernen Industrieroboters, der daraufhin Rasiermesser und -pinsel fast zärtlich über die Wangen vertrauensvoller Kunden streifte. All das scheint deutlich komplizierter, als wenn der Barbier selbst Hand angelegt hätte. Ist diese Karte am Ende gar keine herbeisehnende Darstellung der Zukunft, sondern ein Hinterfragen der Sinnhaftigkeit von Maschinen?

  • Maschinendirigenten auf dem Bauernhof …
    Maschinendirigenten auf dem Bauernhof … © Wikipedia
  • … im Friseursalon …
    … im Friseursalon … © Wikipedia
  • … und im Orchestergraben.
    … und im Orchestergraben. © Wikipedia
  • Dem 3D-Druck 100 Jahre voraus: der dampfgetriebene Maßschneider.
    Dem 3D-Druck 100 Jahre voraus: der dampfgetriebene Maßschneider. © Wikipedia
  • Wer braucht Google, wenn einem eine Maschine das Weltwissen elektronisch eintrichtert
    Wer braucht Google, wenn einem eine Maschine das Weltwissen elektronisch eintrichtert © Wikipedia
Visionäre Beschleunigung

Allen Utopien jener Zeit gemein sind die ungeheure Bewegungsfreude und Beschleunigung, die die Arbeitswelt der imaginierten Zukunft in weiser Voraussicht prägen. Hatte man in Europa noch 70 Jahre zuvor die ersten Eisenbahnen aus der Sorge heraus abgelehnt, deren ungeheures Tempo von 20 und mehr Meilen in der Stunde könne bei Fahrgästen zu Lungenschäden führen und unschuldige Zuseher auf benachbarten Chausseen seelisch beeinträchtigen, so ist Geschwindigkeit nun durchgängig positiv besetzt. Selbst die Schule wird zur temporeichen Lernfabrik, in der der Lehrer ganze Bücherstapel in den Trichter einer Lernmaschine wirft, die Horaz und Euklid per Elektronenfluss in Rekordzeit in Schülerhirne hämmert.

Trotz einiger amüsanter Querschläger, alles in allem ist es erstaunlich, wie treffsicher und weitblickend die Zeichner der utopischen Bildchen die Zukunft visualisiert haben. Oder anders herum: wie treffsicher der Fortschritt die technologischen Hoffnungen und Erwartungen der Menschen vor einhundert Jahren erfüllt hat.

Dr. Lorenz Steinke
Autor Dr. Lorenz Steinke
Mit den technischen Visionen der Jahrhundertwende befasst sich der Journalist und Historiker Dr. Lorenz Steinke seit Jahren. Dabei fasziniert ihn besonders die Fantasie und der mutige Fortschrittsglaube jener Epoche, die keine Angst vor dem Morgen kannte und in der tollkühne Menschen sich erstmals anschickten, in klapprigen Gestellen den Himmel zu erobern.