Gekonnt gewandelt
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April 2018

Gekonnt gewandelt

Wandel ist allgegenwärtig. Auch in der Mobilität. Schiffe, Flugzeuge oder Autos wandern in die Schrottpresse, wenn der Fortschritt sie überholt. Aber was passiert mit den dazugehörigen Infrastrukturbauwerken? „tomorrow“ zeigt Beispiele gelungener Transformationen.

STRASSE

Straße wird zum Lebensraum

Schon jetzt rollen mehr als eine Milliarde motorisierte Fahrzeuge auf den Straßen der Welt. 2035 sollen es doppelt so viele sein. Zahlreiche Trassen sind dieser Steigerung nicht gewachsen. Weil sie unter den Lasten des Alltags mürbe werden. Oder weil sie selbst nicht wachsen können. Die Verödung einer solchen Beton-Krampfader kann im wahrsten Wortsinne eine belebende Wirkung haben.

Cheonggyecheon, Seoul

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Das war
Risse im Asphalt, Brüche im Beton. Seouls Stadtautobahn musste weg. Ein Abriss ohne Neubau. Dafür gab es viel Zuspruch, aber auch Protest bis hin zu Selbstmorddrohungen. Viele beschworen ein Verkehrschaos herauf, schließlich rollten jeden Tag 168.000 Autos über das vierspurige, 5,7 Kilometer lange und 35 Jahre alte Autobahnteilstück. Ab 2002 wurde das Projekt dennoch realisiert.

Das wurde draus
Der Abriss legte den unter der Autobahn verschwundenen Fluss Cheonggyecheon wieder frei. Das Gewässer wurde renaturiert. Fauna und Flora gedeihen seit Projektfertigstellung 2005 bestens – die Lebensqualität im Umfeld gleich mit. Das plötzlich hippe Viertel lockt Firmen an, die wiederum Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft stärken. Außerdem sank die Durchschnittstemperatur entlang des Flusses um beachtliche 3,6 Grad. Ebenfalls bemerkenswert: Das befürchtete Verkehrschaos blieb aus. Auch weil Autofahrer – mehr oder weniger freiwillig – auf öffentliche Verkehrsmittel umstiegen. Und so wurde Cheonggyecheon zu einem Beispiel, das Schule macht: in Seoul, wo weitere Straßen zurückgebaut wurden. Aber auch Planer anderer Städte schauen sich die Umwandlung genau an.

Embarcadero, San Francisco

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Das war
Der in den 1960er-Jahren errichtete Embarcadero Freeway galt als „das mit Abstand hässlichste Bauwerk der Stadt“. 30 Jahre lang teilte der zweigeschossige Freeway die Küstenregion und das Ferry Building (Foto) von der Innenstadt. 1989 machte ein Erdbeben dem Spuk ein Ende. Der eingestürzte Schandfleck wurde 1991 abgerissen.

Das wurde draus
Ein von Palmen gesäumter Boulevard ersetzte den Freeway. Öffentliche Plätze und Parkanlagen wurden angelegt, ebenso Linien der berühmten Cable Cars. Heute ist der Embarcadero eine beliebte Ausgehmeile und Pier 39 etwas westlich des Ferry Building eines der zentralen Tourismusziele der Stadt.

FLUGHAFEN

Mehr Flieger, mehr Platz

Immer mehr Starts, immer mehr Landungen, immer mehr Passagiere, immer mehr Fracht, immer größere Flughäfen. Die Flugbranche boomt weltweit. Die Zahl der pro Jahr beförderten Passagiere soll sich von vier Milliarden 2017 auf 7,8 Milliarden im Jahr 2036 nahezu verdoppeln. 2050 werden sogar bis zu 16 Milliarden Passagiere erwartet. Allein in Europa sollen dann Tag für Tag 70.000 Linienflieger abheben. Viele innerstädtische oder stadtnahe Flughäfen können dieses Wachstum auch wegen immer strengerer Auflagen nicht mitgehen, sie müssen aufs Umland ausweichen – oder sind es bereits, siehe Berlin, Denver, Liverpool, München, Oslo oder auch Hongkong. Rollfelder wurden dort wieder zu Lebensräumen.

Tempelhof, Berlin

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Das war
1909 startete der erste Motorflug auf dem ehemaligen Militär-Exerzierplatz. 1923 wurde der Linienflugverkehr aufgenommen, 85 Jahre später wieder eingestellt. Das ab 1936 entstandene Flughafenterminal war bis 1943 das flächengrößte Gebäude der Welt. Während der Berlin-Blockade landeten die Versorgungsflieger zeitweise im 90-Sekunden-Takt in Tempelhof.

Das wurde draus
Nach Einstellung des Flugbetriebs im Jahr 2008 ist das Tempelhofer Flugfeld zum innerstädtischen Naherholungsgebiet geworden. Das imposante Flughafengebäude samt Vorfeld wird von Mietern unterschiedlichster Branchen und als Eventfläche genutzt. Zum Beispiel als Austragungsort des Formel-E-Heimspiels vom Team Audi Sport ABT Schaeffler am 19. Mai 2018.

Kai Tak, Hongkong

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Das war
Der Anflug über die Häuserschluchten Hongkongs auf den 1954 erbauten und 1998 geschlossenen Flughafen Kai Tak zählte zu den gefährlichsten der Welt. Auch der tückischen Winde wegen. „Kai Tak Heart Attack“ wurde das Luftdrehkreuz, in den 1990er-Jahren immerhin der am viertmeisten frequentierte Airport auf dem Globus, daher gern tituliert. Der Nachfolger, 39 Kilometer vor den Toren der Stadt gelegen, ist der zweitgrößte Passagierflughafen Chinas und der weltgrößte Frachtflughafen.

Das wurde draus
Statt Flugzeuge steuern heute Ozeanriesen Kai Tak an. 2013 wurde das Medienberichten zufolge eine Milliarde Dollar teure Kreuzfahrtterminal in Betrieb genommen. Auf der ehemaligen Runway 13 kann heute Golf gespielt werden. Für den Runway Park wurden 158.000 Bäume und Sträucher gepflanzt. Für ehrgeizige Bauprojekte wurden Straßen asphaltiert, Versorgungsleitungen verlegt, doch die geplanten Häuser wurden nicht errichtet – bislang. Nun sollen sie Realität werden und der ehemalige Flughafen mit 50.000 Wohnungen, Büros, Geschäften, Sport- und Freizeitstätten zu neuem urbanem Leben erwachen.

Messe Riem, München

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Das war
Als der Münchner Stadtflughafen Oberwiesenfeld 1919 eingeweiht wurde, war er eigentlich schon zu klein. Eine Alternative „weit außerhalb der Stadt“ musste her: 1939 landete die erste Linienmaschine in München-Riem. Doch auch dieser Flughafen wurde von der expandierenden Stadt verschluckt. Bereits ab den 1960er-Jahren schauten sich die Verantwortlichen nach einem alternativen Standort noch weiter draußen um. Im Erdinger Moos wurden sie fündig.

Das wurde draus
Auf dem Gelände Oberwiesenfeld wurde der Olympiapark für die Spiele 1972 gebaut. In Riem entstand eine Messestadt – das Wohn- und Ausstellungsgebäude, einen Park sowie ein Einkaufszentrum umfassende Bauprojekt ist das zweitgrößte der Stadtgeschichte nach dem Olympiapark. Riem ist Veranstaltungsort der größten Messe der Welt: der Baumaterial- und Baumaschinen-Schau „Bauma“. Der 1992 eröffnete Riem-Ersatz, der Großflughafen Franz Josef Strauß, liegt 30 Kilometer respektive 45 S-Bahn-Minuten stadtauswärts.

BAHN

Der Zug ist abgefahren

Während der Industrialisierung im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts schossen Fabriken nur so aus dem Boden. Und das nicht auf der grünen Wiese wie in heutigen Industriegebieten, sondern in den Städten. Um die Produktion am Laufen zu halten, musste kontinuierlich Material fließen. Güterzüge erwiesen sich dabei als sehr effizient. Entsprechend wuchs auch das Gleisnetz. Im Zuge der Entwicklung grub der flexiblere Lkw der Eisenbahn immer mehr Fracht ab. Zusätzlich verdrängte der wachsende Bedarf an Büro- und Wohnflächen viele große Produktionsbetriebe aus den Citylagen. Noch heute sieht man in vielen Metropolen bauliche Zeitzeugen des einstigen innerstädtischen Güterverkehrs. Die meisten sind dem Verfall preisgegeben, aber es gibt Ausnahmen. Siehe links. Im Gegensatz zum Güterverkehr erlebt die innerstädtische Personenbeförderung auf der Schiene eine Hochphase – auch das nicht ohne Folgen. Vielerorts werden effizientere Trassen, modernere Stationen gebaut. Aber auch hier muss Altes nicht zwangsläufig aufs Abstellgleis geschoben werden. Mit viel Kreativität kann in frei werdenden Anlagen neues Leben erblühen.

High Line, New York

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Das war
1847 wurde der prosperierende Meatpacking District, ein Gewerbegebiet im Westen Manhattans, mit der West Side Freight Line ans Schienennetz angebunden. Als der Autoverkehr Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr zunahm, störten die Gleise auf der Straße – 1932 wurde aus der Freight Line eine High Line. Doch schon in den 1950er-Jahren verlagerte sich der Güterverkehr von den hochgelegten Gleisen zurück auf die Straße – hinein in Lkw. 1960 wurde ein erster Teilabschnitt der High Line abgerissen, der letzte Zug fuhr 1980.

Das wurde draus
Die „Friends of the High Line“ retteten die letzten 2,3 Kilometer Eisenbahngeschichte und bauten sie zu einem Park auf Stelzen um. Seit der Fertigstellung besuchen jährlich rund fünf Millionen Besucher die begrünten Gleisbetten inmitten der kreativen Nachbarschaft.

Waterloo-Station-Katakomben, London

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Das war
Parallel zum Siegeszug der Eisenbahn wuchs auch der 1848 eingeweihte Londoner Hauptbahnhof Waterloo Station. Bereits 1854 dockte ein kurioses Gebäude westlich an die Haupthalle an: der Necropolis-Bahnhof. Von dort starteten Züge mit Verstorbenen zu einem Friedhof am Stadtrand. 1902 zog der Bahnhof der Toten an die Waterloo-Südseite um. Der Aufbewahrungsort der sterblichen Überreste vor ihrer letzten Reise blieb bis zur Einstellung des Betriebs 1941 derselbe: das stetig mitgewachsene Katakomben-Labyrinth unterhalb der Waterloo Station.

Das wurde draus
Nach der letzten Fahrt der Necropolis Railway gerieten die Katakomben in Vergessenheit – bis sich nach der Jahrtausendwende die Londoner Kunstszene ihrer annahm. Kulturzentren zogen in die Unterwelt von Englands größtem Bahnhof (rd. 100 Mio. Passagiere/Jahr) ein: Auf der Ostseite das „Vaults Theatre“, in die Old Vic Tunnels im Westen das „House of Vans" samt Londons erstem Indoor-Skatepark. Jetzt gedeiht die Idee, das Konzept auf die seit 1932 brachliegende U-Bahn-Station Mayfair am Hyde Park zu übertragen.

Musée D’Orsay, Paris

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Das war
Der 1900 eröffnete Bahnhof d’Orsay in Paris war mit seinen üppigen Ornamenten zu schön, um schmutzigen Dampfloks Einlass zu gewähren. So ging d’Orsay als erstes Stadtbahnterminal für E-Züge in die Pariser Stadtgeschichte ein. Schon 1939 wurde der Bahnhof aber zu klein für den Fernverkehr. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs rollten auch keine Nahverkehrszüge mehr ein – dem Prunkbau drohte der Abriss.

Das wurde draus
Der damalige Präsident Valéry Giscard d’Estaing höchstpersönlich setzte sich Ende der 1970er-Jahre dafür ein, dass der Bahnhof zum Museum für Kunst aus den Jahren 1848 bis 1914 wurde. Jährlich besuchen 3,8 Millionen Menschen die Ausstellung – reger Verkehr also im Ex-Bahnhof.

HAFEN

Beste Wasserlage

Durch die Globalisierung hat sich der Welthandel seit 1960 um den Faktor 19 erhöht – dreimal so stark wie die Weltwirtschaft. Auch diese Zahl verblüfft: 90 Prozent des Exporthandels werden auf dem Seeweg abgewickelt. Parallel zum Seehandel sind auch die Schiffe gewachsen. Wer im Hamburger Hafen von Bord des Museumsfrachters „Cap San Diego“ rüber zum Containerterminal schaut, wo die ganz großen Pötte festmachen, wird sich der Unterschiede bewusst. 160 Meter misst der Stückgutfrachter Baujahr 1960, 10.000 Tonnen konnte er laden. Die 400-Meter-Ozeanriesen aktueller Bauart fassen 18-mal so viel – und kommen mit der Hälfte der Besatzung aus. Einer der wichtigsten „Game Changer“ des Welthandels wurde 1956 erstmals auf Reisen geschickt: der Standard-Seecontainer. Heute schippern rund 30 Millionen der 20 oder 40 Fuß langen Einheitsblechboxen auf den Weltmeeren umher. Die größten Containerfrachter der Welt – die G-Klasse der Reederei OOCL – können jeweils 21.413 Standardcontainer transportieren. Entladen werden die Seegiganten in zwei bis drei Tagen an hoch automatisierten Hightech-Terminals. Viele alte Hafengebiete rund um die Welt konnten mit dem rasanten Wandel nicht mithalten. Die direkte Wasserlage machte die Areale aber hochinteressant für die Ansiedlung von Wohn- und Geschäftsvierteln.

Hafencity, Hamburg

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Das war
Der Hamburger Hafen, im 9. Jahrhundert erstmals erwähnt und am 7. Mai 1189 offiziell gegründet, hat sich im Laufe seines Bestehens von einem Anlandeplatz in der Altstadt am nördlichen Elbufer immer weiter nach Südwesten ausgebreitet. Seit den 1970er-Jahren bestimmen Containerschiffe das Bild. Der nördliche Bereich mit der Speicherstadt verlor immer weiter an Bedeutung, große Bereiche lagen brach.

Das wurde draus
2001 erfolgte der erste Spatenstich für die neue HafenCity, mit insgesamt 157 Hektar aktuell das größte innerstädtische Stadtentwicklungsprojekt Europas. Wenn das Areal mit Universität, Shoppingcenter, Schulen, Kindergärten, Büros, Wohnhäusern, U-Bahn-Stationen, der erhaltenen Speicherstadt, einem Wolkenkratzer, zwei Museen und natürlich der weltberühmten Elbphilharmonie bis 2030 fertiggestellt ist, sollen sich dort jeden Tag 120.000 Menschen tummeln.

Kraanspoor, Amsterdam

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Das war
Die niederländische Metropole Amsterdam ist seit dem 13. Jahrhundert Hafenstadt. Aufwendige Kanalarbeiten öffneten immer neue Wege zur Nordsee. In den 1950er-Jahren wurde das westliche Hafengebiet ausgebaut, das nördliche und östliche verloren dadurch an Bedeutung.

Das wurde draus
Auf den Brachen wurden ab 1990 Wohn-, Arbeits- und Lebensräume geschaffen. Ein besonders interessantes Beispiel für die dort entstandene Bebauung ist „Kraan­spoor“, ein 13 Meter über dem Wasser auf eine alte Krananlage aufgeständerter Büroriegel (270 Meter lang und nur 13,5 Meter breit). Der Clou: Angestellte können dort mit dem Boot zur Arbeit kommen. Liegeplätze sind am Haus.

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Aus Wasser wird Luft

London schlug einen anderen Weg ein. Auf dem Gebiet des ehemaligen Hafenbeckens „King George V Dock“ wurde der London City Airport errichtet. Während andere City-Flughäfen schließen, wächst der an der Themse: Umbaumaßnahmen sollen die Kapazität auf acht Millionen Passagiere pro Jahr erhöhen.

Autoren Volker Paulun und Frederick Unflath
Die Autoren Volker Paulun (l., gebürtiger Hamburger) und Frederick Unflath (Wahl-Münchner) hätten das halbe Magazin mit urbanen Transformationsprojekten füllen können – auf so viele spannende Umwandlungen sind die beiden bei ihrer Recherche gestoßen. Darunter einige, wie der Detroiter Bahnhofsmonumentalbau Michigan Central Station, die sich im Dornröschenschlaf befinden und nur darauf warten, dass mutige „Transformer“ sich ihrer annehmen.