Die Macht der Maschine
© Colin Anderson/Getty

Die Macht der Maschine

Spiele gewinnen, Akten lesen, Krankheiten diagnostizieren: Werden Roboter bald intelligenter sein als Menschen? Drücken Maschinen irgendwann einen Knopf, der sich gegen die Menschheit richtet? Selbst Experten wie Elon Musk und Ray Kurzweil warnen vor „Superintelligenzen“. Und was wird dann aus uns?

Der Mensch blickt den Roboter an und sagt: „Menschen haben Träume. Sogar Hunde haben Träume. Du bist nur eine Maschine. Eine Imitation des Lebens. Kannst du eine Sinfonie komponieren? Eine Leinwand in ein wunderschönes Meisterstück verwandeln?“ Der Roboter blickt den Menschen an. Und fragt: „Können Sie’s?“

Natürlich kann er es nicht. Der Mensch heißt Del Spooner – gespielt von Will Smith –, der Film „I, Robot“. Ganz neu ist er nicht, sein Thema aber umso aktueller – die Furcht, dass Maschinen uns mit ihrer künstlichen Intelligenz übertreffen und auslöschen wollen, weil wir eh nur Plagegeister sind, die den Planeten zerstören. Der Witz dabei: Die drei Robotergesetze, die Maschinen im Film verbieten, dem Menschen zu schaden, schrieb ­Science-Fiction-Schriftsteller Isaac Asimov 1942. Die Angst vor dem Computer ist also so alt wie der Computer selbst.

Fakten holen Voraussagungen ein

Die Prophezeiung, dass Computer klüger werden als wir, stammt wiederum von Ray Kurzweil. Der US-Amerikaner ist Autor, Futurist, Director of Engineering bei Google – und zurzeit beschäftigt er sich vordringlich mit „Singularity“, worunter er eine Verschmelzung von Mensch und Maschine versteht, die uns erlaubt, ewig zu leben. Das könnte man als lachhaft abtun, hätte der Mann nicht schon die Existenz von Mobiltelefonen, selbstfahrenden Autos und intelligenten Waffensystemen vorhergesagt. Kurzweil selbst findet inzwischen seine Prophezeiungen nicht mehr so radikal wie einst. Was daran liegen mag, dass die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz so rasend vonstatten geht, dass man mit seinen Voraussagen gar nicht mehr hinterherkommt.

  • 100 Mrd.

    Nervenzellen hat das menschliche Gehirn, etwa 1.400 Gramm wiegt es – und im Unterhalt ist es recht billig. Für Lebensmittel muss man 3.000 Euro pro Jahr ausgeben, Luft und Liebe gibt’s gratis. Sunway TaihuLight, der schnellste Rechner der Welt, braucht hingegen Strom für jährlich elf Millionen Euro. Dafür führt er viele Billiarden mathematische Rechnungen pro Sekunde aus, unser Hirn „nur“ zehn Milliarden. Ein weiterer Unterschied: Wir stürzen deutlich seltener ab – und dann meist willentlich.
  • 100.000 $

    beträgt das Preisgeld für das Bestehen des Turing-Tests, der 1991 von dem US-Soziologen Hugh G. Loebner ausgelobt wurde. Die Herausforderung besteht darin, eine Maschine zu erschaffen, die einen Tester überzeugt, dass sie ein denkender Mensch ist. Ob der Chatbot „Eugene Goostman“ 2014 den Test als erster Proband bestand, gilt nach wie vor als umstritten. Der Chatbot gibt sich als 13-jähriger Ukrainer aus, der unter anderem ein Meerschweinchen besitzt und Eminem mag.
Künstliche Intelligenz wildert im Terrain menschlicher Klugheit

Inzwischen spielen Maschinen nicht nur besser Schach, sondern auch Go, ein noch weitaus komplexeres Spiel. Googles Computerprogramm AlphaGo schlug im März Lee Sedol, den Meister des Brettspiels. „Wir sind vollkommen im Schockzustand“, lautete der Kommentar des Südkoreaners nach der Niederlage. Ermöglicht wurde der Sieg der Maschine durch ein Deep Learning, künstliche neuronale Netze. Dank Deep Learning übertrifft uns die Künstliche Intelligenz zusehends in Bereichen, die bisher als Terrain menschlicher Klugheit galten.

Algorithmen erkennen Verkehrsschilder und Krankheitsbilder, unterscheiden Krebszellen von gesunden Zellen. Was bedeutet, dass nicht nur Taxifahrer oder Baggerführer von selbstfahrenden Vehikeln ersetzt werden – wir brauchen auch irgendwann keine Ärzte oder Journalisten mehr. Schon heute werden Börsennachrichten von Programmen geschrieben und in einigen US-Anwaltskanzleien werden KI-Systeme eingesetzt, die Akten genauer durchackern als jeder Rechtsanwaltsfachangestellte. Wobei man dazu sagen muss: Industrialisierung und Technisierung fraßen immer Jobs – und gebaren neue.

Roboterschiedsrichter auf dem Weg nach Olympia

Sogar der Beruf des Schiedsrichters ist vom Aussterben bedroht: Der Konzern Fujitsu entwickelte mit dem japanischen Gymnastikverband einen automatisierten Kampfrichter, der rhythmische Sportgymnastinnen beurteilt. Das System wird wohl bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio eingesetzt. Warum nicht? Ein Elektronengehirn lässt sich nicht schmieren und wird nicht müde.

Nur hegen wir Vorbehalte gegen Maschinen, weil sie unmenschliche Urteile fällen und keine Wertvorstellungen haben. Dazu fürchten wir um den Machtverlust – man denke nur an die Diskussion zum Thema autonomes Fahren. Und: Wir halten uns für moralisch überlegen. Allerdings ausgerechnet deswegen, weil wir der Ansicht sind, dass unsere persönlichen Einschätzungen das Ergebnis eines kognitiven Prozesses seien. Doof nur, dass die Künstliche Intelligenz genau in dieser Disziplin besser abschneidet.

Die Macht der Maschine© Colin Anderson/Getty
Vermenschlichte Maschinen

Aber zumindest haben wir Gefühle, empfinden Liebe und führen Beziehungen! Fragt sich nur, was man darunter versteht. Die US-amerikanische Firma True Companion stellte bereits vor Jahren einen Sexroboter namens Roxxxy vor, der zuhört und spricht, Berührungen spürt und dessen Charakter je nach Gusto des Besitzers gewählt werden kann – so kann Roxxxy mal schüchtern sein, mal draufgängerisch. Wirklich eloquent war Roxxxy nie, aber das muss sie wohl auch nicht. Für Ray Kurzweil steht es außer Frage, dass wir uns irgendwann mit Maschinen paaren. Freilich vornehmlich virtuell und mit Nanobots im Körper, die Sinnessignale senden. „Sexuelles Vergnügen“, schrieb Kurzweil einmal, „ist eine Erfindung, die das Gehirn selbst erzeugt – ganz wie Humor oder Wut.

Wer die HBO-Serie „Westworld“ kennt, muss den Begriff Mitgefühl in Bezug auf Individuum und Automat ohnehin überdenken. Basierend auf dem Roman von ­Michael Crichton und dem gleichnamigen Film erzählt „Westworld“ die Geschichte eines von Avataren bevölkerten Western-Vergnügungsparks, in dem sich die Menschen den Maschinen gegenüber wie Tiere benehmen. Der Zuschauer fühlt sich schlecht – und mit den Maschinen.

  • Bei 85 %

    liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Computer erkennt, ob ein Mensch wirklich Schmerz empfindet. In einer Studie des Magazins „Current Biology“ prüfte ein Computerprogramm Videos von schmerzverzerrten Gesichtern. Erstaunlich: Die Einschätzungen von Menschen stimmten nur zu 50 Prozent. Studienleiterin Marian Barlett vertreibt übrigens eine App, die via Smartphonekamera Mimik dekodiert, damit Firmen die Reaktionen von Kunden besser verstehen.
  • 24

    Stunden war das selbstlernende Chatprogramm namens Tay im Internet, dann musste Microsoft es entfernen. Tay sollte lernen, wie 18- bis 24-Jährige kommunizieren und sich in die Unterhaltung einklinken. Allerdings zog Tay innerhalb kurzer Zeit Hitler-Vergleiche, sah Donald Trump als letzte Rettung und leugnete, noch bevor Microsoft den Stecker ziehen konnte, den Holocaust. Das Problem: Ohne groß zu reflektieren, reimte sich Tay seine Antworten aus dem zusammen, was andere Twitter-Nutzer schrieben.

Wer bestimmt darüber, dass Roboter keine Würde haben? In der Diskussion um Distinktion zwischen Humanoid und Android wird grundsätzlich das Argument angeführt, dass ein Computer keinen Körper habe, somit keine Angst verspüre, keinen Ekel und kein Glücksgefühl. Außerdem könnten Maschinen im Gegensatz zum Menschen nicht kreativ sein, sondern nur reproduzieren. Wie man’s nimmt: Der fünfminütige Science-Fiction-Film „Sunspring“ ist das erste Werk, dessen Drehbuch komplett von einem Algorithmus verfasst wurde.

Zugegebenermaßen besticht der Film vornehmlich durch abstruse Dialoge – doch das Gefühl der Verwirrung kann den Zuschauer durchaus auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen beschleichen. Und: Die Liste der originären Kinofilme ist nicht allzu lang. Stattdessen sehen wir Prequels, Sequels, Spin-offs oder Neuverfilmungen. Soviel zum Einfallsreichtum des Menschen.

Prominente Warner und Mahner

Ja, vielleicht müssen wir uns fürchten. Scharfsinnige Menschen wie der schwedische Philosoph Nick Bostrom, Stephen Hawking, Bill Gates oder Elon Musk tun das und warnen öffentlich vor einer Intelligenz, die sich unkontrollierbar verselbstständigt. Die Frage ist allerdings auch, ob sie sich überhaupt für uns interessieren wird, was schwer vorstellbar ist. Und was findet sie vor? Menschen, die auf Smartphones starren. So gesehen: Unterworfene des Digitalen sind wir schon jetzt.

Wiebke Brauer
Autorin Wiebke Brauer
Die Hamburger Journalistin Wiebke Brauer fürchtet sich zwar vor künstlicher Intelligenz und deren Folgen, hat aber keine Probleme damit, Teile ihres Gehirns auf ihr iPhone auszulagern. So hat sie nur noch zwei Telefonnummern im Kopf – das Gerät jedoch unzählige.