Allein mit der Natur
© Pierre Bouras/Team Malizia
April 2021

Allein mit der Natur

Von Björn Carstens
Mensch, Natur und Technik – nur wenn dieser Dreiklang perfekt harmoniert, haben Segler eine Chance, die Vendée Globe zu beenden. Jene härteste Nonstop-Regatta der Welt, an der Boris Herrmann als erster Deutscher teilgenommen hat. Schlüsselqualifikation an Bord: mentale Agilität. Über die stürmische Faszination des Einhandsegelns und ein Rennen, das noch größer ist als eine Weltumsegelung: der Kampf gegen den Klimawandel.
Agilität 24/7

Der Wind peitscht die Gischt übers Boot. Boris Herrmanns Seaexplorer scheint irgendwo im Nirgendwo südlich des 40. Breitengrades ein Spielball meterhoher Wellen zu werden. „Roaring Forties“ nennen Bootsmänner und -frauen das gefürchtete Seegebiet im Südpolarmeer, das die Vendée-Globe-Spitzengruppe nach rund drei Wochen erreicht hat. Dass der Hamburger Profi-Hochseesegler in den tosenden Naturgewalten stoisch den Kurs hält, mag für Landratten ähnlich unmöglich klingen, wie einen Pudding an die Wand zu nageln. Für die Weltumsegler, die im November 2020 bei der Vendée Globe angetreten sind, nicht. Die 33 Frauen und Männer sind es gewohnt, den Launen der See zu trotzen. Wochenlang allein auf den Weltmeeren zu sein, 24/7 einsatzbereit. Einhandsegler müssen Entscheidungen im Takt der Wellen treffen. „Donnernde Vierziger“, leichte Brisen und richtige Flauten, tückische Strömungen, Kollisionen mit Treibgut, mächtigen Meeressäugern – oder Fischerbooten. Mit einem solchen kollidiert Boris Herrmann nachts in der Biskaya, 90 Seemeilen vor dem Ziel. Keines der zig Alarmsysteme hat einen Mucks von sich gegeben. Es kommt zum Crash. Aber nicht zur Havarie. Mit gedrosselter Geschwindigkeit rettet Herrmann die waidwunde Seaexplorer ins Ziel. Nach 80 Tagen auf See hat auch der Skipper seine Belastungsgrenze mehr als erreicht. Zumal die aufputschenden Gedanken an einen möglichen Sieg durch den Last-Minute-Zwischenfall über Bord gespült worden sind.

80 Tage Dauereinsatz. Ständig agil – im Kopf und auf den Beinen, tags wie nachts, abwägen, grübeln, beobachten, philosophieren. Das bringt selbst austrainierte Spitzensportler wie Herrmann an die Grenzen. Der kleinste Fehler, eine Mini-Unaufmerksamkeit, und es wird gefährlich. Schiffbruch bei der Vendée Globe? Keine Seltenheit! Alle neun Ausgaben zusammengerechnet, mussten schon mehrere Dutzend Segler selbige vor dem Ziel streichen. Ausfallquote: knapp unter 50 Prozent. Einige überlebten das Rennen nicht. Boris Herrmann hat die Besteigung des Mount Everest zur See gemeistert, wie die Vendée Globe auch genannt wird. Ein schwieriger Spagat zwischen Abenteuer, Forschungsprojekt und Wettfahrt. „In dem einen Moment ermahne ich mich zu mehr Vorsicht und im nächsten will ich bloß keine Meilen einbüßen. Innerlich debattiere ich mit mir die ganze Zeit. Ich kurbele, bis ich auf dem Zahnfleisch gehe, versuche zu schlafen, zu essen, doch die Frage ist ständig da: doch lieber das dritte Reff?“, gab Herrmann während der Regatta zu Protokoll.

Man denkt die ganze Zeit nach, das okkupiert den Geist permanent

Boris Herrmann
Allein mit der Natur
In der Kommandozentrale: Ein speziell angepasster Sitz neigt sich, wenn das Boot bis zu 45 Grad krängt© Andreas Lindlahr

Seine Dauer-Gretchenfrage: Was mache ich wann? Im Job kennt man das von Postkorbübungen in Managementseminaren. Prioritäten setzen. Flexibel sein. Kühlen Kopf bewahren. Richtige Entscheidungen treffen, um nicht Schiffbruch zu erleiden. Hat Boris Herrmann nicht. Weil er an seine Grenzen gegangen ist. Und darüber hinaus. So wie an jenem Tag in der ersten Rennhälfte, als er bei anbrechender Nacht und trotz panikartiger Höhenangst den 30 Meter hohen Mast aufentern muss, um einen defekten Beschlag zu lösen. Einhandsegeln ist auch ein ununterbrochener innerer Kampf gegen sich selbst.

Allein mit der Natur
Mit bis zu 75 km/h peitschte die Seaexplorer über die Ozeane, schneller als viele Motorboote
© Yvan Zedda
Trimm ist allein Segler-Entscheidung

Vieles machen Solosegler an Computern in der Flugzeugcockpit-ähnlichen, drehbaren Kommandozentrale. Zweimal am Tag lädt der Segler hier Wetterdaten herunter, checkt und programmiert die Navigationssoftware. Die manuelle Arbeit des Segeltrimmens („Grinding“) ist hingegen allein seine Aufgabe, genauso wie die Berechnung des Kurses. Hilfe von außen ist verboten. Das verlangen die Regeln. Die technischen Gadgets erleichtern Herrmann zwar das Leben, aber sie nehmen ihm keine Entscheidungen ab. Das richtige Segel-Setup muss Herrmann anhand von Windstärke und Seegang immer noch selbst treffen. Den Strom für die Bordelektronik liefern eine speziell für das Boot entwickelte Solaranlage und Hydrogeneratoren. Letztere erinnern an Außenbordmotoren, die wie kleine Turbinen am Heck in den Fahrwasserstrom eingeschwenkt werden und Energie erzeugen. CO2-neutral natürlich. Für die Sicherheit sorgen modernste Radarsysteme, eine hermetisch abgeriegelte Crashbox im Vorschiff, je zwei Überlebensanzüge und Rettungsinseln. Die Hitliste der Modifizierungen an Bord führt laut Herrmann jedoch ein speziell zugeschnittener Sitz an, der alle Schiffsbewegungen ausgleicht. „Ich kann dort sitzen, die Monitore beobachten, essen, und wenn sich das Boot viel bewegt, ist das einfach der beste Ort, um sich zu verkeilen – man braucht nicht viel Kraft, um sich festzuhalten“, sagt er.

Zahlen und Fakten
  • 80 durchnummerierte Tütchen mit Lebensmitteln
    hatte Herrmann mit an Bord, meistens gefriergetrocknete Astronautennahrung. Heißes Wasser drauf und fertig. Dann noch ein bisschen Obst und Käse. In Summe 130 kg Lebensmittel. Dazu noch drei Fläschchen Whisky – eine für jede der drei Kap-Umrundungen
  • 80 Tage, 14 Stunden, 59 Minuten und 45 Sekunden
    benötigte Boris Herrmann für seine Weltumsegelung bei der Vendée Globe. Bedeutet: Platz fünf in der Endabrechnung.
  • 21.638 Seemeilen
    müssen die Nonstop-Segler und -Seglerinnen auf dem Weg um den Erdball mindestens hinter sich bringen (rund 40.000 Kilometer). Eine Nautische Seemeile hat eine Länge von 1.852 Meter. Die Seemeile berechnet sich aus dem Erdumfang. 40.000 km werden durch 360° und 60 Minuten geteilt = 1.852 m. Herrmann segelte am Ende mehr als 50.000 Kilometer um die Welt.
  • 130 kg Ersatzteile
    hatte Boris Herrmann mit an Bord, darunter Kohlefaserplatten, ein Stück Mastschiene, Elektrik und Elektronikteile, ein Treibanker, etc. plus ein 30 kg schweres Ersatzruder.
  • 2.688 Kilometer
    betrug bei Herrmanns Weltumsegelung die maximale Distanz zum nächsten Land – der wohl einsamste Fleck der Erde. Sogar die Raumstation ISS kreist „nur“ 408 km über der Erde.
Schwimmendes Minilabor

Bei der Vendée Globe jubelten nicht nur Segelfans, auch Klimaforscher frohlockten. Zuerst über die sichere Ankunft der Akteure und dann über die große Masse an neu gesammelten Daten, die sonst kaum zu bekommen sind. Zwar liefern auch mit Messgeräten ausgestattete Frachter Daten, doch diese fahren meist auf den gleichen Routen. Die Vendée Globe führt dagegen durch das Südpolarmeer und den südlichen Atlantik. Weiße Flecken auf der CO2-Landkarte. Um das zu ändern, ist in der Seaexplorer ein Messgerät eingebaut, das kontinuierlich Daten zum CO2-Gehalt, zur Temperatur und zum Salzgehalt des Wassers speichert.

  • Reichlich zu kurbeln hatte Boris Herrmann während der Regatta, mit dem Grinder bediente er vier Winschen an Bord
    Reichlich zu kurbeln hatte Boris Herrmann während der Regatta, mit dem Grinder bediente er vier Winschen an Bord © Andreas Lindlahr
  • Im Ziel feierte Herrmann mit zwei Seenotfackeln in den Händen und wurde von Freunden und Teammitgliedern auf Beibooten empfangen
    Im Ziel feierte Herrmann mit zwei Seenotfackeln in den Händen und wurde von Freunden und Teammitgliedern auf Beibooten empfangen © Martin Keruzoré/Team Malizia
  • Sogenannte Foils, u-förmige Schwerter, heben das Boot aus dem Wasser
    Sogenannte Foils, u-förmige Schwerter, heben das Boot aus dem Wasser © Jean-Marie LIOT / Malizia
  • Boris Herrmann
    Boris Herrmann © Andreas Lindlahr

Das speziell angefertigte, mit 17 Kilo besonders leichte und stromsparende Mini-Ozeanlabor (Kosten: ca. 50.000 Euro) ist an einen Wasserkreislauf im Kiel des Schiffs angeschlossen, durch den jederzeit Meerwasser fließt. „Alle 20 Sekunden werden die Werte gespeichert“, sagte Peter Landschützer vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg in einem Interview mit dem Spiegel. Die Ozeane seien ein wichtiger Indikator bei Prozessen im Klimawandel, da sie einen erheblichen Teil des Kohlendioxids aus der Atmosphäre speichern. Um es genau zu sagen: etwa 25 Prozent des jährlich von Menschen verursachten CO2-Ausstoßes. Andernfalls würde die Erderwärmung noch stärker ausfallen. Alle zehn Tage schickte Boris Herrmann per Satellit Daten an die Wissenschaftler in der Heimat. Die Messergebnisse wurden in die SOCAT-Datenbank (Surface Ocean CO2 Atlas) hochgeladen, ein unglaublicher Datensatz zum globalen Kohlenstoffkreislauf. Erste Auswertungen liegen bereits vor. Eine davon: Das Südpolarmeer speichert vergleichsweise viel mehr Kohlenstoff als andere Weltmeere – ein spannender Trend, den es sich lohne noch genauer zu untersuchen, so Landschützer. Boris Herrmanns Mission war quasi nur der Startschuss für einen Ultramarathon: den Kampf gegen den Klimawandel. Ein wichtiger Schlüssel für ihn: Bildung. Das von seinem Team Malizia mitentwickelte Schulprojekt Ocean Challenge mit weltweiten Schulklassen-Partnerschaften ist Herrmann eine Herzensangelegenheit, die auch nach der Vendée Globe fortgeführt werden soll. Eine neue, super-innovative und nachhaltige Yacht ist ebenfalls schon in Planung. Das Abenteuer geht weiter.

Die Seaexplorer – gespickt mit Sensoren
Allein mit der Natur© Team Malizia
  • Oscar (1) im Masttopp soll Kollisionen mit Treibgut verhindern. Erkennt ein mit dem Autopiloten gekoppeltes KI-System anhand von Infrarotaufnahmen Gegenstände auf 1.000 Meter Entfernung auf der Wasseroberfläche, weicht das Boot autonom aus.
  • Lastmessbolzen (2) sind in der Takelage (Rigg) verbaut. Ist ein Schwellenwert unterhalb des Höchstlastwerts erreicht, alarmiert Herrmann ein akustisches Signal.
  • Glasfaserkabel (3) verlaufen in den Foils. An jeweils sechs Stellen wird die Krümmung gemessen.
  • Wal-Pinger (4) heißt ein kleiner runder Glaszylinder in der Kielbombe, der Laute mit einer Reichweite von etwa einem Kilometer aussendet, um Wale zu vertreiben.
Zahlen und Fakten
StapellaufAugust 2015
Länge18,28 m
Breite5,70 m
Tiefgang4,50 m
Gewicht7,6 t
Masthöhe29 m
Luv-Segelfläche290 m²
Vorwind-Segelfläche490 m²
Geschwindigkeitmax. 40 Knoten (knapp 75 km/h)
Powernapping auf hoher See

Wann schlafen, wenn man 24/7 im EInsatz ist? Und das 80 und mehr Tage am Stück. Die Lösung der Vendée-Globe-Segler: extremes Powernapping. Eine Schlafstrategie, die schon die Schöpfungskraft von Leonardo da Vinci beflügelt hat. Das Universalgenie soll sogar nur 15 Minuten alle vier Stunden geschlafen haben. Und auch Delfine praktizieren eine spannende Methode: Sie lassen nur eine Gehirnhälfte schlafen und die andere bleibt auf Hab-Acht-Stellung. Regatta-Profi Boris Herrmann schläft während der Vendée Globe maximal 60 Minuten am Stück. Die Häppchen addieren sich aber immerhin auf insgesamt rund sechs Stunden am Tag.

The Vendée Globe is a race we would like to win, the race against climate change is the one we must win!

Maxime des Teams Malizia von Boris Herrmann

Schlafexperte Dr. Holger Hein entschlüsselt Herrmanns „innere Uhr“ seit mehr als 20 Jahren: Mit vielen kleinen Ruhepausen sei Boris Herrmann in der Regel ähnlich erholt wie jeder andere Mensch mit normaler Nachtruhe, sagt er im Hamburger Abendblatt, denn auch diese ist durch kurze, oft nicht erinnerte Wachphasen zerstückelt. „Also hat Boris letztlich nichts anderes getan als wir alle. Nur dass er nach den Schlafphasen nicht gleich weitergeschlafen hat, so wie wir in einer normalen Nacht.“ Viel wichtiger als das Durchschlafen sei die Tiefe des Schlafs und damit seine regenerative Kraft, erklärt Hein. Boris Herrmann hat sich daher die Fähigkeit antrainiert, schnell abzuschalten, sofern er die Augen schließt. Kategorie Eule, nennt Hein diese Gabe. „Eulen“ seien wesentlich flexibler, was das Schlafverhalten angeht, als der klassische Frühaufsteher. Eine von Hermanns Trainingsmethoden: Beim Autofahren legt er sich tatsächlich bei roten Ampelphasen schlafen und lässt sich vom Gehupe der Hinterleute wieder wecken. Muss man auch erst mal drauf kommen …

Seit 500 Jahren um die Welt

1519 begann die erste Rundreise um die Erde. Drei Jahre dauerte die von Ferdinand Magellan gestartete Expedition per Segelschiff. Heute schafft es die Raumstation ISS in 92 Minuten.

Allein mit der Natur
Weltumrundungen
  • 1093 Tage per Segelschiff
    Vom 10.8.1519–6.9.1522 dauert die erste Weltumrundung überhaupt. Leiter ist Ferdinand Magellan, der dabei stirbt. Nur einer seiner fünf Dreimaster kommt durch.
  • 940 Tage per Hochrad
    Thomas Stevens macht die erste Global-Tour auf zwei Rädern vom 22.4.1884 ab San Francisco (USA) bis zum 17.12.1886 nach Yokohama (Japan).
  • 762 Tage per Automobil
    Clärenore Stinnes schafft es als erster Mensch im Serien-Pkw (Adler Standard 6): 25.5.1927–24.06.1929. Route: Berlin, Moskau, Peking, Japan, USA, Argentinien, Berlin.
  • 492 Tage zu Fuß
    Schneller als Heine Stupp ging bisher keiner zu Fuß einmal um die Erde. Start/Ziel: München. Zeitraum: 31.7.1895–5.12.1896. Teilstrecken absolvierte er allerdings mit dem Zug.
  • 157 Tage per Flugzeug
    1924 gelingt dies erstmals der US Air Force mit drei einmotorigen Propeller-Doppeldeckern. Diese Douglas World Cruiser sind unterwegs vom 24.4. bis zum 28.9.
  • 80 Tage per Elektroauto
    Dem Jules-Verne-Roman „In 80 Tagen um die Welt“ eifern 2016 elf Teams nach. In Fahrzeugen der Marke Tesla brechen sie den Weltumrundungsrekord für E-Autos.
  • 71 Tage per Einhandsegler
    Ellen MacArthur ist damit seit 2005 schnellste Frau im Alleinsegeln um die Welt. Den Weltrekord hält seit 2016 François Gabart: 42 Tage, 16 Stunden, 40 Minuten.
  • 35 Tage per Luftschiff
    Die LZ 127 Graf Zeppelin legte vom 1.8. bis 4.9.1929 auf ihrer Globaltour 49.618 Kilometer zurück. Fünf V12-Motoren von Maybach machten sie bis 128 km/h schnell.
  • 2,8 Tage per Ultraleichtbau-Flugzeug
    Steve Fossett vom 1.3. bis 3.3.2005: als erster Mensch allein und ohne Stopp. 36.900 km in 67 Stunden mit Strahltriebwerk und 10.200 Liter Kerosin.
  • 0,06 Tage per Raumstation
    Seit dem 20.11.1998 umkreist die International Space Station (ISS) die Erde. Mit ihren 28.000 km/h dauert eine Umrundung 92 Minuten. 2016 waren 100.000 ISS-Runden voll.